https://www.faz.net/-gqe-7kzb6

Kambodscha : Der hohe Preis der billigen Kleidung

Verletzte Textilarbeiter in einem Krankenhaus in Phnom Penh. Bild: dpa

In Kambodscha kämpfen die Textilarbeiter für höhere Löhne. Nun sind mindestens drei Menschen ums Leben gekommen, als die Polizei das Feuer auf Streikende eröffnete. Die Modeketten reagieren. Sie schauen sich anderswo um.

          Gewöhnlich rattern im „Canadia Industrial Park“ in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh die Nähmaschinen. Ob Boxershorts, Bikinis, Jeans oder T-Shirts – der Industriepark ist eines der Zentren der Textilindustrie in dem südostasiatischen Land. Seit Freitag aber steht sein Name vor allem für eines: die Eskalation der Gewalt. Mindestens drei Menschen kamen ums Leben, als die Polizei das Feuer auf streikende Arbeiter eröffnete, die für höhere Löhne demonstrierten.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Kambodscha galt unter Fachleuten lange Zeit als eine Erfolgsgeschichte im Kampf gegen die vielfach schlechten Arbeitsbedingungen in der internationalen Textilindustrie. Doch diese Behauptung wurde nicht erst durch das gewalttätige Vorgehen der Polizei widerlegt. Schon im vergangenen Jahr kam eine Studie der Stanford-Universität zu dem Schluss, dass die Löhne und Sicherheitsvorkehrungen am Arbeitsplatz in dem armen südostasiatischen Land sogar ab- statt zugenommen haben.

          Die kambodschanischen Textilarbeiter seien mit „sehr schwierigen Arbeitsbedingungen“ konfrontiert, konstatierten die Wissenschaftler. Flächendeckend herrschten „exzessive“ Arbeitszeiten, immer wieder würden Mitarbeiter in Ohnmacht fallen. Während die Löhne in China, Vietnam und Indonesien stiegen, sanken sie in Kambodscha. Die Forderung nach einer Verdopplung des monatlichen Mindestlohnes auf 160 Dollar (115 Euro), die von den Gewerkschaften und den streikenden Arbeitern jetzt erhoben werden, müssen vor diesem Hintergrund gesehen werden. Bislang hat sich die Regierung allerdings nur auf eine Erhöhung von 80 Dollar auf zunächst 95 Dollar und nun 100 Dollar eingelassen (etwa 73 Euro).

          Kambodschas Textilindustrie bedient vor allem das „mittlere Marktsegment“, wie McKinsey-Partner Achim Berg es nennt. Die Billiganbieter unter den Modeketten würden eher in Bangladesch fertigen lassen, weil dort die Produktionskapazitäten um einiges größer und die Preise tendenziell noch niedriger seien. Tatsächlich spielt Kambodscha in der Rangliste jener Länder, die am meisten Bekleidung exportieren, keine Rolle. Der mit Abstand größte Produktionsstandort ist China. Rund 40 Prozent aller Textilien weltweit kommen aus dem Reich der Mitte, der Export belief sich 2012 auf einen Wert von fast 154 Milliarden Euro. Zweitwichtigstes Land in Asien ist Bangladesch (20 Milliarden Euro), es folgen Indien und Vietnam.

          Im internationalen Vergleich ist Kambodscha mit seinen 250 Fabriken ein eher kleiner Standort – in China gibt es 18.000 davon. Aber die Bekleidungsindustrie ist immerhin für etwa 85 Prozent der Ausfuhr des Landes verantwortlich. Sie bringt Kambodscha im Jahr Umsätze von mehr als 5 Milliarden Dollar. Rund eine halbe Million der insgesamt gerade einmal 15 Millionen Kambodschaner sind in der Textilbranche beschäftigt.

          Selbst chinesische Lieferanten lassen ihre Ware mittlerweile in anderen asiatischen Ländern fertigen

          Die Schuld an den schlechten Arbeitsbedingungen sehen Beobachter nicht nur bei den Fabrikbesitzern selbst. Auch die internationalen Bekleidungsunternehmen, die den Zulieferern die niedrigen Preise vorschrieben, müssten die Verantwortung dafür tragen. Schon warnen die Vertreter der kambodschanischen Textilindustrie davor, dass eine signifikante Erhöhung der Löhne einen Wegzug der Betriebe in andere Länder nach sich zöge.

          Die Lage eskaliert: Drei demonstrierende Arbeiter starben in Phnom Penh, als die Polizei das Feuer auf sie eröffnete.

          Tatsächlich ist die Modebranche ausgesprochen wendig, was die Verlagerung ihrer Produktionsorte angeht. Nachdem vor zwanzig Jahren viele Hersteller China als Niedriglohnland entdeckten, nahm die Auftragsfertigung dort rapide zu. Inzwischen sind die Löhne in den Küstenregionen Chinas nicht mehr weit von westlichen Niveaus entfernt. Das führte dazu, dass etwa der Export nach Europa deutlich zurückgegangen ist. Selbst chinesische Lieferanten lassen ihre Ware mittlerweile in anderen asiatischen Ländern fertigen, weil es dort günstiger ist.

          In einer Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey bekundeten zuletzt zwei von drei Einkäufern, in den nächsten fünf Jahren weniger Ware aus China beziehen zu wollen. Als beliebteste Ausweichziele nannten sie Bangladesch, Vietnam, Indien, Burma und Kambodscha. Dabei gilt das Motto: Je mehr Standorte, desto besser. Seit den Vorfällen in Bangladesch achte man verstärkt auf „Risikodiversifizierung“, sagt McKinsey-Mann Berg. Dort waren im November 2012 bei einem Brand in einer Näherei, die unter anderem für C&A und Walmart produzierte, mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen. Im Frühjahr dieses Jahres ereignete sich ein noch größeres Unglück: Mehr als 1000 Menschen starben beim Einsturz eines Fabrikgebäudes.

          Seidenherstellung in Kambodscha

          Zwar haben etliche westliche Bekleidungsunternehmen aus Angst vor Imageschäden angekündigt, die Produktionsbedingungen zu verbessern, in der Praxis scheitert dieses Vorhaben aber daran, dass die Produktion über diverse Zwischenhändler und Auftragsfertiger abgewickelt wird, die schwer zu überwachen sind. Unternehmen wie H&M eröffneten inzwischen auch Produktionsstätten in Afrika, berichtet Berg, einen Trend sieht er darin aber nicht. Die Infrastruktur in Afrika ist vielfach noch schlechter als die in Asien.

          Unter europäischen Unternehmen erfreuen sich Rumänien und Polen wachsender Beliebtheit, aber auch die Türkei, die schon jetzt Kleidung im Wert von 14 Milliarden Dollar im Jahr exportiert. Das hat vor allem logistische Gründe. Rund sechs Tage dauert es, bis ein Lastwagen aus der Türkei in Deutschland ist. Ein Schiff aus China braucht dagegen mehr als drei Wochen – zu lange für die schnelllebige Modewelt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wegen Amazonas-Bränden : Europa droht Bolsonaro mit Blockade

          Der Streit mit Brasilien um die Waldbrände eskaliert: Finnland prüft ein Einfuhrverbot für brasilianisches Rindfleisch in die EU, Irland und Frankreich drohen, ein Handelsabkommen zu blockieren. Politiker aus Europa schießen gegen Präsident Bolsonaro.
          Hans-Georg Maaßen im CDU-Wahlkampf vor der Landtagswahl in Sachsen am 1. September

          Streit über Parteiausschluss : Maaßen dankt Schäuble für Unterstützung

          Im Streit um einen möglichen Parteiausschluss von Hans-Georg Maaßen geht Wolfgang Schäuble auf Distanz zur CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Der ehemalige Verfassungsschutzpräsident bekennt: „Das war wohltuend.“
          Auch Sojabohnen aus Amerika werden betroffen sein.

          Importe aus Amerika : China kündigt neue Zölle an

          Von Mitte Dezember werden fast alle chinesischen Importe in die Vereinigten Staaten mit Strafzöllen belegt sein. Diese Entwicklung lässt die chinesische Regierung nicht unbeantwortet.

          Boris Johnson und Twitter : Fuß auf dem Tisch? Skandal!

          Boris Johnson legt bei Präsident Macron flegelhaft den Fuß auf den Tisch – oder war doch alles ganz anders? Warum „Footgate“ ein Beispiel für die fatale Empörungsroutine in den Netzwerken ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.