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Kabeljau-Fang : Kopflos auf den Lofoten

Typisch Lofoten Bild: Johannes Ritter

Der Kopf des Kabeljaus ist begehrt: Norwegische Kinder schneiden ihm die Zunge heraus, Afrikaner werfen ihn in den Suppentopf. Bevor der Fisch aber Kopf und Leben verliert, legt er eine lange Reise zurück.

          An so einem Ort hängt man gerne herum. Wäre da nicht der eisige Wind, der in gefühlter Orkanstärke über die Bucht von Ramberg jagt. Eine Bucht, so schön und so bizarr, als hätte ein - etwas verrückter - Landschaftsarchitekt Hand angelegt. Auf der flach abfallenden Seite der Bucht vertäuen die Fischer ihre Boote im Hafen. Gleich dahinter haben sie ihre Häuser, in Holz und in Rot.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Aus ihren Fenstern blicken sie auf die andere Seite der Bucht, wo schneebestäubte karge Berge steil aus dem Wasser aufragen. Typisch Lofoten. Auf dieser wilden Inselgruppe vor der Küste Norwegens liegt Ramberg. Die Lofoten sehen so aus, als hätte man die Alpen bis zu einer Höhe von 3000 Metern geflutet. Und nun schauen eben nur noch die Bergspitzen aus dem Wasser.

          Hauptrolle in der Fischsuppe

          Der Gedanke an eine gewaltige Springflut in den Alpen verfliegt beim Anblick der zahlreichen Zaungäste, die gleich hinter dem Hafen am Ortsausgang von Ramberg abhängen. Denn so wie hier riecht es im Alpenland einfach nie, nämlich nach Fisch. Auf einem langen Gestell aus Holzpfählen hängen unzählige Kabeljaus - und werden so zum Stockfisch. Im Duo, an den Schwänzen vertäut, baumeln sie kopfüber zum Trocken in der beißend kalten Märzluft. Kopfüber? Nicht wirklich. Ihre Köpfe haben sie gleich nach der Anlandung in der kleinen Fischfabrik im Hafen verloren. Unwillkürlich fragt man sich, was wohl aus den vielen Köpfen der bis zu eineinhalb Meter langen und bis zu 40 Kilo schweren Kabeljaus geworden ist.

          Die Antwort findet sich nur 500 Meter weiter links an der Landstraße. Dort hängen Tausende Fischköpfe an Holzgestellen zum Trocknen. Ende April kommen die Einkäufer aus Nigeria und inspizieren die Qualität der Köpfe. Knapp zwei Cent zahlen sie für das Haupt eines Kabeljaus, sofern es nicht von Vögeln angepickt oder von Wind und Wetter beschädigt ist. Es darf auch nicht allzu streng muffeln. Dann kommen die Köpfe in den Container nach Westafrika, wo sie die proteinreiche Hauptrolle in der Fischsuppe spielen, welche die Nigerianer sehr lieben.

          Die Brüder Bernt und Karl Johnsen befreien den Fisch aus den Maschen Bilderstrecke

          Bei dieser Art der kulinarischen Verarbeitung fällt den Afrikanern zum Glück nicht auf, dass ihnen ein wesentlicher Teil des Fischkopfes vorenthalten bleibt: die Zunge. Dieser ein bis drei Zentimeter langen Muskel wird den Fischen zuvor herausgeschnitten. Wer wissen will, wie das geht, muss Lars und Tom über die Schulter schauen. Die 15 und 13 Jahre alten Schüler stehen in dickem Ölzeug und mit einem scharfen Messer bewaffnet in einer hinteren Halle der Ramberger Fischfabrik. Routiniert greifen sie in den Berg der frisch abgetrennten Häupter. Mit der linken Hand spießen sie den Fischkopf so auf einer spitzen Stahlstange auf, dass sich Gaumen und Zunge nach außen wölben. Dann reicht ein einziger Schnitt mit dem Messer in der rechten Hand - und die Delikatesse landet in einem schwarzen Plastikeimer am Boden.

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