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Wettbewerb „Spiel des Jahres“ : Der Herr der Spiele

„Spielen ist die eleganteste Form des zweckfreien Tuns“, sagt Harald Schrapers, 56. Bild: Lucas Bäuml

Harald Schrapers ist Vorsitzender der Jury „Spiel des Jahres“. Wenn er an diesem Montag die begehrten Preise vergibt, hält die Verlagswelt den Atem an.

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          Harald Schrapers ist ein wohlsortierter Mann. Die Spiele in seinen Regalen sind streng nach Größe geordnet, sitzen Kante auf Kante exakt übereinander. Der aktuelle Spielejahrgang hat ein eigenes Regal. Der nächste auch. Eine beeindruckende Ordnung.

          Daniel Mohr
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nicht die Übersicht zu verlieren ist eine wichtige Aufgabe für den 56 Jahre alten Duisburger. Er ist als Vorsitzender der Jury „Spiel des Jahres“ dafür verantwortlich, aus Hunderten neuen Spielen jedes Jahr das eine herauszufinden, das den roten Pöppel erhält. Die stilisierte Spielfigur, die dann lorbeerumkränzt auf das „Spiel des Jahres“ gedruckt werden darf, versehen mit dem jeweiligen Jahrgang und dem Hinweis „Kritikerpreis“.

          Das Spiel des Jahres ist nicht irgendein Preis. Es ist eine Auszeichnung mit langer Tradition, die mit „Hase und Igel“ im Jahr 1979 begann. Die Gründerväter, allesamt begeisterte Spieler und Spielekritiker, wollten mit der Auszeichnung gute Spiele fördern und aus den vielen Neuerscheinungen diejenigen herausfiltern, die möglichst viele Menschen überzeugen.

          Preis verzehnfacht den Umsatz - mindestens

          „Ziel übererfüllt“, stellt Horst Schrapers auf seiner Terrasse im Duisburger Süden nüchtern fest. Der Preis stieß von Anfang an auf hohe Akzeptanz von Verlagen und Kunden. Das Qualitätsversprechen, das mit der Auszeichnung einhergeht, wurde vollends erfüllt. Die Spieler verlassen sich auf das Urteil der Jury. 42 Jahre nach der Gründung des Preises gibt es wohl keinen, der eine derart durchschlagende wirtschaftliche Wirkung hat. Erfahrungsgemäß verzehnfacht sich der Umsatz des Gewinnerspiels. Mindestens. Manche halten diese Zahl für arg tief gegriffen. Sie nennen eher den Faktor hundert.

          „Wir sind uns der Verantwortung bewusst“, sagt Schrapers. Übermäßigem Druck sieht er sich aber nicht ausgesetzt. „Andere Branchen und auch die Spieler in anderen Ländern können sich das oft nicht vorstellen, aber wir arbeiten wirklich komplett unabhängig und sind völlig frei, welcher Verlag, welcher Autor und welches Spiel die Auszeichnung bekommt.“

          „Wir“, das ist die Jury „Spiel des Jahres“. Sie besteht aus zehn Spielekritikern, die sich über Jahre einen Namen gemacht haben und irgendwann von den anderen Jurymitgliedern gefragt werden, ob sie mitwirken möchten. Manche Mitglieder sind über Jahrzehnte dabei, andere erst kurz. Schrapers ist seit 2017 dabei, seit 2018 ist er Vorsitzender. Zusammen mit den vier Juroren des „Kinderspieles des Jahres“ bilden sie den Verein „Spiel des Jahres“. Die 14 Mitglieder arbeiten alle ehrenamtlich mit. Nur für Tätigkeiten wie die des Vorsitzenden, die über die allgemeine Juryarbeit hinausgehen, gibt es eine Aufwandsentschädigung von 20 Euro je Stunde.

          300 Spiele werden jedes Jahr getestet

          Der Großteil ist aber die allgemeine Juryarbeit, also konkret, das beste Spiel eines Jahrgangs zu finden. 300 Stück haben Schrapers und die anderen neun Mitglieder dieses Jahr getestet. Coronabedingt unter erschwerten Bedingungen. „Wir waren in der Regel auf das Spielen im engsten Familien- und Nachbarschaftskreis beschränkt“, sagt Schrapers, Vater von zwei Kindern. „Die Zusammenarbeit der Jury war aber so eng wie selten. Über die digitalen Formate haben wir uns rege ausgetauscht“, sagt Schrapers. Nicht jeder von ihnen hat alle 300 Spiele gespielt. „Wenn drei oder vier sehr entschieden sagen, das Spiel kommt für die Auszeichnung nicht in Frage, müssen die anderen es nicht auch noch spielen.“

          Rund 200 Spiele hat Schrapers selbst getestet. Das Regal dafür hat er mittlerweile leer geräumt und die Spiele, die den Jurymitgliedern von den Verlagen zur Verfügung gestellt werden, an die Spieleausleihe der Düsseldorfer Falken weitergegeben. Die Hauptarbeit ist bis Mitte Mai erledigt. Die Jury hat sich auf drei Spiele geeinigt und sie für den diesjährigen Preis nominiert. Alle drei sind kooperativ. In „Robin Hood“ verkörpern die Spieler Robin Hood und seine Freunde und müssen Abenteuer im Sherwood Forest bestehen. In „Zombie Teenz“ verjagen die Spieler gemeinsam Zombies aus der Stadt, und in „MicroMacro: Crime City“ müssen die Spieler auf einem riesigen Wimmelbild-Stadtplan gemeinsam Verbrechen erkennen und rekonstruieren. Was sein Favorit ist, verrät Schrapers nicht. Auf seiner Internetseite gamesweplay.de kann man aber nachlesen, dass er von „MicroMacro“ ganz besonders angetan ist, weil es so ungewöhnlich sei. Jedes Jurymitglied hat eine Stimme. An diesem Sonntag wird abgestimmt. Am Montag um 10.30 Uhr wird der Sieger gekürt.

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          Feste Kriterien, die ein „Spiel des Jahres“ erfüllen muss, gibt es nicht. Nur den formalen Anspruch, einen professionellen Vertrieb in Deutschland zu haben. Wer also in seinem stillen Kämmerlein ein womögliches geniales Spiel entwickelt hat und dieses Spiel allein an Freunde und Verwandte vertreibt, wird sich nicht qualifizieren. Die Jury fragt bei den Verlagen konkrete Spiele an, die sie interessant findet und gerne testen würde. „Es muss beim Spielen Spaß machen“, nennt Schrapers den für ihn zentralen Punkt. „Ich kann daher auch zu einem Spiel nichts sagen, wenn ich es nicht auf dem Tisch vor mir hatte und es gespielt habe.“

          Wird der Juryvorsitzende von einem Spiel überrascht, hat es bessere Chancen als eine Idee, die es schon in 75 Varianten gibt. „Mensch ärgere dich nicht“ hätte bei der Jury aus anderem Grund keine Chance. „Ein derart vorsätzlich auf Frust bei den Mitspielern angelegtes Spiel erfüllt meine Mindestkriterien an Freude, Spaß und konstruktives Miteinander nicht.“ Auch „Monopoly“ würde Schrapers nicht auszeichnen: Ein Spiel mit offenem Ende, bei dem mitunter schon sehr früh klar ist, wer gewinnt, eigne sich nicht.

          Viel Spielerfahrung bei den Jusos Niederrhein

          Schon als Kind hat Schrapers gerne und viel gespielt. Auch den Niederlagen kann er etwas abgewinnen, für ihn sei das „kein Verlieren, ich nenne das Erkenntnisgewinn“. Richtig viel gespielt hat er dann bei den niederrheinischen Jusos. Das taten sie dort aber nicht einfach so, sondern natürlich mit philosophischem Überbau. „Wir hingen der Idee von Paul Lafargue an, dem Schwiegersohn von Karl Marx, der angesichts der Arbeitswut seines Schwiegervaters das Recht auf Faulheit propagierte. Nicht unbedingt Nichtstun, sondern auch Ehrenamt, Familie, Hobbys. Und Spielen ist die eleganteste Form des zweckfreien Tuns. Man macht was Intelligentes, aber völlig zweckfrei.“ Von Brettspielmeisterschaften oder bierernsten Skat-Vereinen hält er persönlich deshalb wenig. Der Spaß muss im Vordergrund stehen. Und den hatten sie bei den Jusos mit dem Radrennspiel „Um Reifenbreite“ oder „Kreml“, das die Dekadenz der sowjetischen Herrschaft „genial darstellt“.

          Schrapers studiert nach dem Abitur Sozial- und Politikwissenschaften in Duisburg. Anschließend bleibt er der SPD treu. Er ist seit dem Jahr 2000 Pressesprecher für Kerstin Griese, der heutigen Sozialstaatssekretärin im Ministerium von Hubertus Heil. Seit dem Jahr 2010 macht er die Pressearbeit auch für Stefan Zimkeit, den finanzpolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen. Sie alle verbindet die Freude am Spielen: „Mit beiden habe ich in unseren Juso-Zeiten viel zusammen gespielt.“ Irgendwann fing Schrapers an, Brettspielkritiken zu schreiben. Bis heute veröffentlicht er sie in der Fachzeitschrift Spielbox, vor allem aber auf gamesweplay.de.

          Mit der Juryarbeit begann er zunächst für das „Kinderspiel des Jahres“, damals waren seine Kinder noch klein. Später wechselte er zu den Erwachsenenspielen und übernahm den Vereinsvorsitz. Der Spiel des Jahres e. V. finanziert sich durch Lizenzeinnahmen, die von den Verlagen bezahlt werden müssen, wenn sie den Pöppel auf die Spiele drucken wollen. Und das will dank der enormen Marktmacht des Preises jeder. Schrapers will keine genauen Zahlen nennen, aber in Branchenkreisen spricht man von etwa einem Prozent des Verkaufspreises. Kostet ein Spiel zum Beispiel 30 Euro, wären dies knapp 30 Cent je Spiel und bei einer nicht unüblichen Verkaufszahl des „Spiels des Jahres“ von 400.000 Stück also immerhin knapp 120.000 Euro für das Siegerspiel. Für die anderen nominierten Spiele gilt der halbe Satz. Dazu generiert der Verein auch Einnahmen aus älteren Jahrgängen. Nominierte Spiele dürfen maximal drei Jahre das Logo tragen, Hauptpreisträger unbegrenzt. Die Lizenzgebühr fällt aber weiterhin an.

          Die Branche boomt wie nie

          Dem Verein kommt sehr zugute, dass die Brettspielbranche boomt wie nie. Um 37 Prozent hat sich im vergangenen Jahr der Umsatz mit Erwachsenenspielen erhöht und um 11 Prozent mit Kinderspielen. Hört man in die Branche hinein, wird von komplett ausgelasteten Produktionsstätten berichtet. Damit deutet alles darauf hin, dass auch das Jahr 2021 ein gutes Jahr für die Branche wird. „Das ist nicht nur in Deutschland so, wir merken das auch über unsere Lizenzeinnahmen im internationalen Vertrieb“, sagt Schrapers. Längst ist das „Spiel des Jahres“ auch ein internationales Gütesiegel für Spiele guter Qualität. In zwei bis drei Dutzend Sprachräumen werden die „Spiele des Jahres“ vertrieben. Dem Druck amerikanischer Verlage, den Preis als „Game of the year“ vermarkten zu dürfen, hat der Verein bisher widerstanden.

          „Wir schauen bei unseren Entscheidungen nie auf die Verkaufszahlen eines Spiels. Die kennen wir gar nicht, und wir achten auch nicht auf den Absatzpreis eines möglichen ‚Spiel des Jahres‘, sondern nur auf die Qualität der Spiele“, sagt Schrapers. „Wir wissen, dass wir genug Rücklagen haben, um theoretisch auch mal ein oder zwei Jahre komplett ohne Einnahmen auszukommen.“ Ein Spiel wie „Pictures“ wäre 2020 womöglich nie „Spiel des Jahres“ geworden, wenn die Jury auf die Vertriebsstärke der hinter den Spielen stehenden Verlage geachtet hätte. Das Spiel stammt aus dem Kleinstverlag PD. Die Jury nehme auch keine Einladungen an, die nicht auch anderen Spielejournalisten offenstehen. Die Unabhängigkeit sei ihr Kapital, sagt Schrapers. „Das werden wir in keiner Weise gefährden.“

          Neben der Auszeichnung der besten Spiele setzt sich der Verein seit jeher für die Verbreitung des Brettspiels ein. Er unterstützt Aktionen wie „Spielend für Toleranz“, schließlich sind am Brettspieltisch alle gleich, und für alle gelten die gleichen Regeln und Ausgangsvoraussetzungen. Derzeit werden an der Universität Konstanz zwei Doktorandenstellen besetzt, die sich mit Spielen beschäftigen sollen. Gemeinsam mit den Museen der Stadt Nürnberg, die durch die jährliche Spielwarenmesse seit jeher einen engen Bezug zum Thema haben, wird die Entwicklung des Brettspiels zum weltweit anerkannten deutschen Autorenspiel erforscht und nachgezeichnet. Die Erkenntnisse sollen später mit vielen Mitmachelementen als Wanderausstellung durchs Land ziehen.

          Schrapers selbst fährt vor der Juryentscheidung zum „Spiel des Jahres“ 2021 erst einmal in Urlaub. Mit im Gepäck sind natürlich auch Spiele, und zwar endlich nicht nur neue Spiele zum Ausprobieren, sondern Klassiker, die er selbst gerne spielt. Sein persönlicher Favorit ist „Siedler von Catan“ in der Deutschland-Variante oder in einem selbst erdachten Seefahrer-Szenario. Aber auch „Bohnanza“, „Die Quacksalber von Quedlinburg“, „Ganz schön clever“ und „Sankt Petersburg“.

          Schrapers bezeichnet sich dabei nicht als den typischen Vielspieler und meint damit, lieber drei kürzere Spiele à eine Stunde anstatt nur ein drei Stunden dauerndes Spiel zu spielen. Doch auch die sehr langen Spiele testet seine Jury. Der Preis „Kennerspiel des Jahres“ für geübtere Spieler gewinnt seit seiner Gründung vor zehn Jahren immer mehr an Bedeutung. „Das Brettspiel ist aus der Breite der Familien in die WGs gewandert“, sagt Schrapers. „In dem Boommarkt Amerika ist es umgekehrt, da tragen die spielebegeisterten Nerds die Spiele in die Familien.“

          Schrapers sitzt dabei ganz entspannt in seinem Garten unterm großen Kirschbaum, eigene Hühner inklusive, und ist gedanklich gelegentlich schon im nächsten Jahr. Längst stapelt sich in einem Regal der nächste Jahrgang. Bis März sammelt die Jury neue Spiele. Natürlich wohl sortiert.

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