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Jungunternehmer : In der Berliner Gründerschule von Microsoft

Beispiellose Möglichkeiten möchte Steve Ballmer eröffnen. Bild: REUTERS

Weltkonzerne unterstützen junge Unternehmen und wetten damit auf die Zukunft. Für die Gründer ist die Anschubhilfe wie der Gewinn eines Jackpots.

          „Das ist wie ein Jackpot.“ Emil Kendziorra strahlt übers ganze Gesicht. Gerade hat ihn Microsoft-Chef Steve Ballmer auf die Bühne geholt, hat ihn umarmt und das Tor zur Zukunft aufgestoßen. Der eine klatscht Applaus, der andere lacht. Zwei Männer, ein Ziel. Der große Vorstandsvorsitzende aus Amerika und der schmächtige Unternehmensgründer aus Berlin.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Kendziorra hat mit Researchcluster eines von neun Jungunternehmen gegründet, die in der Hauptstadtniederlassung des Softwarekonzerns über die kommenden Monate den Feinschliff bekommen sollen: Businessmodell ausbauen, Finanzierungsrunden drehen, Investoren, Kunden und Interessenten finden. Die ganze Palette, das volle Programm. Die neuen Unternehmen heißen Babboo, Cringle, Makeapoint oder My Lorry. Sie schreiben Anwendungssoftware, Datenbank- oder Netzwerkprogramme. Kendziorra ist dabei. Er hat hohe Erwartungen; Ballmer hat wie immer viel Energie.

          „Die Branche hat mehr Potential und wir sind dabei“

          Der seit der Ankündigung seines Rückzugs im kommenden Jahr auf Abruf stehende Vorstandschef des größten Softwareanbieters der Welt ist mit einem Satz auf die Bühne in dem alten Bürgerhaus Unter den Linden gesprungen. Schwarzer Anzug im weiten New Yorker Schnitt, ein weißes Hemd, offener Kragen und eine Stimme wie ein Orkan. Von draußen klatscht der Regen an die hohen Fensterscheiben. Drinnen kommt Ballmer in Schwung.

          Er redet sich in Stimmung, spricht von den längst vergangenen Gründertagen bei Microsoft und der Start-up-Szene in Berlin, von Ideen, Chancen und Möglichkeiten, Risiken, Gefahren und Wagniskapital. In den vergangenen sechseinhalb Jahren hat auf der Welt jeden Monat mindestens ein Unternehmen, oft kaum zehn Jahre alt, die Umsatzhürde von einer Milliarde Dollar übersprungen. „Unternehmen wie Twitter gehen nach sieben Jahren und ohne einen Cent Gewinn an die Börse. Das ist doch toll. Die Branche hat mehr Potential als je zuvor, und wir sind dabei“, sagt Ballmer. Er schaut in die Runde. Kendziorra blickt im Scheinwerferlicht geradeaus.

          „Das ist ein toller Start für uns“, sagt er. „Mehr aber auch nicht. Jetzt müssen wir unseren eigenen Weg finden.“ Das Gründerprogramm von Microsoft mag für ihn aussehen wie ein wohlverdienter Lottogewinn; für Ballmer ist es eine Wette auf die Zukunft. Kendziorra macht sich da keine Illusionen. Der junge studierte Mediziner hatte mit seinem ersten Unternehmen Onfeedback Kundenfeedbacksysteme für Franchise-Unternehmen und Handelsketten angeboten; mit Researchcluster setzt er auf die enge Verzahnung von Medizin und Technik. Auf diesem Milliardenmarkt mischen Konzerne wie IBM, SAP, Microsoft mit.

          Berliner Wunderkinder

          Kendziorra hat Researchcluster mit einer Anschubfinanzierung des deutschen Pharmakonzerns Bayer AG ins Leben gerufen. Es war eine Art Stipendium, keine Geschäftsverpflichtung, kein Anteilsverkauf, ein Hoffnungswert. Den lässt sich nun auch Microsoft in Berlin einiges kosten. Die Amerikaner haben aus 360 Bewerbern aus ganz Europa neun Unternehmen ausgewählt, die sie für besonders aussichtsreich halten. Berliner Wunderkinder. Der Softwarekonzern ist bei weitem nicht der Erste auf dieser Hauptstadtbühne.

          Amerikanische Risikokapitalgeber wie Kleiner Perkins Caufile Byers, Sequoia Capital und der deutschstämmige Peter Thiel durchleuchten regelmäßig die Computerszene der Hauptstadt, immer auf der Suche nach vielversprechenden Jungunternehmen. Vor den Toren der Stadt hat die SAP AG im Rahmen ihrer globalen Expansion ein millionenteures Innovationszentrum in Potsdam eröffnet. Die Darmstädter Software AG kaufte gerade das Berliner Unternehmen Alphabet. „80 Prozent der Innovation in der gesamten IT-Branche kommen heute aus Zukäufen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Software AG, Karl-Heinz Streibuch. Daher haben die Branchengrößen ein Auge auf die Start-up-Szene.

          So haben junge hauptstädtische Unternehmen aus der IT- und Internetbranche nach Angaben des Hightech-Verbands Bitkom und des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) im vergangenen Jahr Wagniskapital von 133,3 Millionen Euro erhalten – mehr als an allen anderen deutschen Standorten zusammen. Noch 2009 wurden gerade einmal 34,2 Millionen Euro ausgereicht. Mit Schwergewichten wie Microsoft und SAP könnte die Investitionsgrenze von 150 Millionen Euro bald überschritten sein.

          So ist auch Steve Ballmer auf diesen Zug aufgesprungen. Microsoft hat schon acht seiner „Gründerschulen“ in aller Welt eröffnet, von Peking bis Seattle, von Bangalore bis Berlin. Der Konzern lässt sich das je nach Standort und Haus einen hohen einstelligen Millionen-Dollar-Betrag kosten. „Microsoft hatte vor fast vierzig Jahren in einem kleinen Zimmer mit tausend Dollar angefangen“, sagt Ballmer. Ein Auftrag von IBM hat die Softwarebude zu einem Weltkonzern werden lassen. „Wir haben uns immer wieder neu erfunden.“

          Heute ist der Konzern so etwas wie ein Weltreich, in dem die Sonne nie untergeht. Er ist auf allen Erdteilen und in fast allen Ländern vertreten. Milliarden von Computern laufen mit Microsoft-Software. „Wir sind vor dem Hintergrund einer grandiosen technischen Entwicklung gigantisch gewachsen“, sagt Ballmer. Mit Programmen wie MS-Dos, Windows und Office. Nichts scheint unmöglich. Berlin, die Stadt, in der Konrad Zuse in den dreißiger Jahren den ersten Computer gebaut und in den vierziger Jahren das erste Software-Betriebssystem geschrieben hatte, ist trotz dieser Geschichte für die Branche eine neue Bühne. Für Emil Kendziorra ist mit Researchcluster hier und jetzt alles möglich.

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