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Die neue Romantik der Jugend : Im Sturm und Drang auf den Beamtensessel

Vorbild Geheimrat: Die Studenten tun es Johann Wolfgang von Goethe gleich und suchen eine feste Anstellung beim Staat Bild: Fricke, Helmut

Studenten wollen nichts lieber als eine Stelle beim Staat. Was hat das zu bedeuten? Es lässt tief in die studentische Seele blicken – und ist eine Ohrfeige für die Unternehmen.

          5 Min.

          Kürzlich hatte der Hochtaunuskreis eine Stelle ausgeschrieben für ein duales Studium, das in die gehobene Beamtenlaufbahn führt. Das Interesse war sehr groß. Von den zwanzig Bewerbern, die man einlud, hatten allerdings nur vier eine Vorstellung davon, was eine Kreisverwaltung überhaupt ist. „Das erste Argument für sie ist der sichere Arbeitsplatz“, sagt Rainer Keller, der im hochverschuldeten Kreis das Personal akquiriert, „sie sind meist deutlich beeinflusst von ihren Eltern.“ Die haben den Kindern eingeimpft, dass kein Arbeitgeber so gut ist wie die Verwaltung.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Die Botschaft ist angekommen. Die junge Generation träumt von einer Festanstellung im öffentlichen Dienst. Fast jeder dritte Student möchte nach dem Abschluss im Staatsdienst arbeiten, das ist das Ergebnis einer Umfrage der Unternehmensberatung EY unter 4300 Studenten, über die diese Zeitung als Erste berichtete. Auch die Wissenschaft und die Kultur gelten als attraktive Arbeitgeber – Unternehmen aus der Privatwirtschaft nicht so sehr. Zu wenig Sicherheit, zu viel Arbeit, der Nachwuchs sehnt sich offenkundig mehr nach einem geregelten Leben als nach Abenteuer und Selbstverwirklichung.

          Im Internet gab es Häme und Spott, aber auch Verständnis. Wächst da eine Generation von Langweilern und Bürokraten heran?, fragen die einen und sehen sogleich den Wirtschaftsstandort in Gefahr. Andere erkennen gute Gründe für die Sehnsucht nach dem Staatsdienst und schieben den Unternehmen und der modernen Arbeitswelt den Schwarzen Peter zu. Ist es vielleicht einfach klug, angesichts der geregelten Arbeitszeiten, der Teilzeitarbeit und des ordentlichen Gehalts für den Staat zu arbeiten?

          Finanzkrise führte zu Absturzpanik der Jugend

          Tatsächlich ging jahrzehntelang der Anteil der Absolventen, die eine Stelle im öffentlichen Dienst annehmen, zurück. Derzeit heuern, inklusive der Lehrer, rund 13 Prozent der Universitätsabsolventen und 4 Prozent der Fachhochschüler im öffentlichen Dienst an – deutlich weniger als noch vor zwanzig und dreißig Jahren, sagt Kolja Briedis, Bildungsforscher am Institut DZHW. In jüngster Zeit gibt es aber Indizien für eine neue Sehnsucht nach dem Staatsdienst. Nachdem dieser über Jahre geschrumpft ist, steigt die Zahl der Beschäftigten wieder: 4,6 Millionen Beamte und Arbeitnehmer stehen bei Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherungen in Diensten – 17900 mehr als im Vorjahr und rund 140000 mehr als 2008. Spiegelbildlich hat die Lust, ein Risiko einzugehen und sich selbständig zu machen, einen Tiefpunkt erreicht, schreibt die staatliche Bank KfW in ihrem jüngsten Gründungsmonitor.

          Es sind mehrere Gründe, die den öffentlichen Dienst attraktiv machen. Der Psychologe Stephan Grünewald, der in Köln das Rheingold-Institut leitet und junge Menschen tiefenpsychologisch befragt, schreibt in seinem neuesten Buch, das Lebensgefühl der Jugendlichen sei „geprägt von einer schweren Absturzpanik angesichts heilloser, offener und brüchiger Verhältnisse“. Die Eltern haben sich oft getrennt, die Welt erscheint komplex und unverständlich, spätestens sei der Finanzkrise schwebt eine abstrakte Absturzgefahr über der Jugend. Ein Blick nach Griechenland oder Portugal genügt, um zu erkennen, dass Wohlstandsträume schnell ausgeträumt sein können. „Viele entwickeln eine fast manische Suche nach festen, haltgebenden Ordnungen und Regelwerken“, schreibt Grünewald. Und wo kann man die finden, wenn nicht im Staatsdienst? Für Rebellion ist diese Generation nicht gemacht. Gefragt nach ihren Vorbildern, nennen sie: Papa, Mama und Angela Merkel.

          Andererseits wird ihnen auch Strebsamkeit, akademischer Fleiß und ein durchaus ausgeprägtes Bewusstsein für den eigenen Marktwert („Generation Y“) attestiert. Die Studenten sind laut der Personalwissenschaftlerin Jutta Rump keineswegs faul. „In Studien wird dieser Generation eine hohe, teilweise sogar die höchste Leistungsbereitschaft attestiert. Aber diese Bereitschaft ist stärker als früher an Bedingungen geknüpft“, sagt sie. Diese Bedingungen – allen voran ausreichend Zeit für Familie und Freunde – erfüllt die Wirtschaft nach Auffassung der Studenten immer weniger. So gesehen ist die neue Zuneigung zum öffentlichen Dienst eine schallende Ohrfeige für die Unternehmen. Diese reagieren auf den sich abzeichnenden Fachkräftemangel mit Appellen. Sie fordern Hilfe von den Schulen, der Politik. Doch liegt das Problem nicht in der modernen Arbeitswelt an sich?

          Geringe Aufstiegsmöglichkeiten in Unternehmen

          Mit der Globalisierung und den internationalen Produktions- und Lieferketten kamen die „entgrenzten Arbeitszeiten“, wie Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit sie nennt. „Nine to five“, das war einmal. Vom modernen Wissensarbeiter, ob er Einkaufsmanager, Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer oder Banker ist, wird erwartet, dass er in einer Art Bereitschaftsdienst weiterarbeitet, am Laptop oder am Telefon, gedanklich auf jeden Fall. Knapp drei Milliarden Überstunden werden in der deutschen Wirtschaft Schätzungen zufolge jedes Jahr gemacht, die Hälfte davon unbezahlt. Gerade hier kann der Staat als Arbeitgeber punkten. Angestellte einer Großkanzlei müssen nach getaner Aktenarbeit um 18 Uhr noch in ein langes Status-Update-Meeting, während der verbeamtete Staatsanwalt schon seit dem Nachmittag mit seiner Tochter auf dem Spielplatz schaukelt.

          Für die Studenten zählt das Ergebnis und nicht die Präsenz, beobachtet Marcus Reif, der das Recruiting von EY in Deutschland leitet. Es mag auf den ersten Blick verwundern, dass ausgerechnet dieses Argument für den öffentlichen Dienst und gegen die Privatwirtschaft spricht – doch heute ist nicht mehr der Staatsdienst das Sinnbild des Stundenabsitzens, sondern die schier endlosen Besprechungs- und Abstimmungsrunden in den Unternehmen. Dort haben die Babyboomer das Sagen, die nach einem nervenaufreibenden Marsch durch die Hierarchiestufen wenig Interesse daran haben, dem Nachwuchs Freiheiten einzuräumen, die sie selbst nicht hatten.

          Der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Rüdiger Bachmann sieht die Sache pragmatisch: „Wenn die Firmen gute junge Leute wollen und diese jungen Leute ganz bestimmte Jobcharakteristika wollen“, sagt er, „dann müssen sie die entweder anbieten oder abwandern, aber nicht jammern.“ Doch sie jammern, im Wochentakt beklagen Studien von Industrieverbänden, internationalen Organisationen und Unternehmensberatungen den sich anbahnenden Fachkräftemangel in Deutschland. Dem Handwerk geht schon jetzt der Nachwuchs aus, die Industrie ist als Nächstes dran.

          Unbefristetes Arbeiten eher in der Privatwirtschaft möglich

          Ökonomen meinen, sogar der Wirtschaftsstandort könnte Schaden nehmen, wenn nur annähernd so viele Absolventen wie angekündigt in den Staatsdienst gehen. Arbeitsmarktökonom Hilmar Schneider hält die Daten der Umfrage von EY zwar nicht für ausreichend, um von einer Renaissance des Beamtentums zu sprechen. Sollten Studenten aber massenweise in den Staatsdienst strömen, „hätte das negative Folgen für die Volkswirtschaft“, sagt er. Auch Lars Feld, einer der fünf Wirtschaftweisen, hält den Sinneswandel der Jugend für „problematisch“, wenn ihm denn Taten folgen. Er verdeutliche „die Abkehr der Jungakademiker von der Wirtschaft, insbesondere dem Finanzsektor“, sagt Feld. Die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft werde dadurch erschwert.

          Der Mannheimer Arbeitsmarktökonom Holger Bonin hält dagegen die Folgen für die Volkswirtschaft für überschaubar. Viele Ministerien hätten entgegen den Absichten der Studenten heute große Probleme, geeigneten Nachwuchs zu finden. „Bei den Einstiegsgehältern kann der öffentliche Dienst nicht mit der Privatwirtschaft mithalten.“ Auch das ist ein Teil der Wahrheit: Die Arbeitswirklichkeit im Staatsdienst entspricht oft nicht dem, was sich die Studenten erträumen. Der Großteil der Stellen ist befristet, „viel häufiger als in der Privatwirtschaft“, sagt Hochschulforscher Kolja Briedis. Nur 7 Prozent der Staatsstellen für Uni-Absolventen seien unbefristet, in der Privatwirtschaft 40 Prozent.

          Privilegierte Beamten

          Das schöne Leben auf dem Beamtensessel – ist es nur ein Traum? So sieht es die Interessenvertretung der Staatsdiener, der Deutsche Beamtenbund (DBB). Dort war man überrascht über das Ergebnis der Umfrage. Tatsächlich zeichne sich vielmehr eine Personalnot ab, sagt der Verband, für viele offenen Stellen gebe es keine geeigneten Bewerber. Derzeit seien es schon einige Zehntausend Stellen. In den kommenden Jahren könnten es wegen der Pensionierungswelle rund 700000 werden. Gerade qualifizierten Nachwuchs findet der Staat als Arbeitgeber schwerlich. Einstiegsgehälter für Akademiker von 30 000 Euro im Jahr sind kaum konkurrenzfähig. Und die relativ üppige Beamtenversorgungen im Alter, unbestritten immer noch ein Lockmittel für Bewerber, sieht der Beamtenbund durch die staatliche Schuldenbremse unter Druck.

          Was die Beamtenlobby verschweigt, ist, dass die Staatsdiener in Deutschland viel vermögender sind als andere Berufsgruppen. Laut einer Studie der Bundesbank aus dem vergangenen Jahr ist das Bruttovermögen des durchschnittlichen Beamten mit mehr als 200000 Euro mehr als doppelt so hoch wie das mittlere Vermögen von Angestellten und sogar fast siebenmal so hoch wie das von Arbeitern. Vielleicht haben das auch die Studenten gelesen; die Kinder von Beamten wussten es ohnehin schon. Dass es selbst Akademiker im fortgeschrittenen Alter noch in den Staatsdienst zieht, zeigt das Beispiel von Katrin Suder. Die ist bislang Senior Partnerin der Unternehmensberatung McKinsey, hochangesehen, hochbezahlt. Jetzt wird sie, zu einem Bruchteil ihres alten Gehalts: Staatssekretärin im Verteidigungsministerium.

          Andere Zeiten, gleiche Sorgen: Auch vor 200 Jahren wollten viele in den Staatsdienst

          „Es ist fast unglaublich, wie sehr sich alles danach drängt, ein Glied in der hierarchischen Kette der Beamtenwelt zu werden, und wie sehr die ganze gebildete Jugend der Nation den Staatsdienst als das einzige Mittel betrachtet, ein glückliches und sorgenfreies Leben zu gewinnen.“ Allgemeine Zeitung für Bayern, 1836

          „Hauptsächlich aber kommt in Betracht, daß seit der Zeit der Reformation fast im ganzen nördlichen Deutschland die tüchtigsten Männer des Mittelstandes sich Anfangs der Theologie später der Beamten-Laufbahn gewidmet hatten, daß auch für den Adel die Beamten-Laufbahn die höchste Anziehung hatte.“ Grundriss der Geschichte der Verfassung, Verwaltung und Gesetzgebung des preußischen Staates, 1860

          „Daß solche Anstellungen wegen der Sicherheit und der damit verbundenen Ehre niedriger bezahlt werden, als ähnliche, unsicherere Privateinstellungen, ist nötig, um nicht zu viel Mittelmäßigkeit in die Staatskarriere hineinzulocken.“ Deutsches Staats-Wörterbuch, 1867

          Alle Zitate von der Redaktion gekürzt.

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