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Die neue Romantik der Jugend : Im Sturm und Drang auf den Beamtensessel

Vorbild Geheimrat: Die Studenten tun es Johann Wolfgang von Goethe gleich und suchen eine feste Anstellung beim Staat Bild: Fricke, Helmut

Studenten wollen nichts lieber als eine Stelle beim Staat. Was hat das zu bedeuten? Es lässt tief in die studentische Seele blicken – und ist eine Ohrfeige für die Unternehmen.

          Kürzlich hatte der Hochtaunuskreis eine Stelle ausgeschrieben für ein duales Studium, das in die gehobene Beamtenlaufbahn führt. Das Interesse war sehr groß. Von den zwanzig Bewerbern, die man einlud, hatten allerdings nur vier eine Vorstellung davon, was eine Kreisverwaltung überhaupt ist. „Das erste Argument für sie ist der sichere Arbeitsplatz“, sagt Rainer Keller, der im hochverschuldeten Kreis das Personal akquiriert, „sie sind meist deutlich beeinflusst von ihren Eltern.“ Die haben den Kindern eingeimpft, dass kein Arbeitgeber so gut ist wie die Verwaltung.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Die Botschaft ist angekommen. Die junge Generation träumt von einer Festanstellung im öffentlichen Dienst. Fast jeder dritte Student möchte nach dem Abschluss im Staatsdienst arbeiten, das ist das Ergebnis einer Umfrage der Unternehmensberatung EY unter 4300 Studenten, über die diese Zeitung als Erste berichtete. Auch die Wissenschaft und die Kultur gelten als attraktive Arbeitgeber – Unternehmen aus der Privatwirtschaft nicht so sehr. Zu wenig Sicherheit, zu viel Arbeit, der Nachwuchs sehnt sich offenkundig mehr nach einem geregelten Leben als nach Abenteuer und Selbstverwirklichung.

          Im Internet gab es Häme und Spott, aber auch Verständnis. Wächst da eine Generation von Langweilern und Bürokraten heran?, fragen die einen und sehen sogleich den Wirtschaftsstandort in Gefahr. Andere erkennen gute Gründe für die Sehnsucht nach dem Staatsdienst und schieben den Unternehmen und der modernen Arbeitswelt den Schwarzen Peter zu. Ist es vielleicht einfach klug, angesichts der geregelten Arbeitszeiten, der Teilzeitarbeit und des ordentlichen Gehalts für den Staat zu arbeiten?

          Finanzkrise führte zu Absturzpanik der Jugend

          Tatsächlich ging jahrzehntelang der Anteil der Absolventen, die eine Stelle im öffentlichen Dienst annehmen, zurück. Derzeit heuern, inklusive der Lehrer, rund 13 Prozent der Universitätsabsolventen und 4 Prozent der Fachhochschüler im öffentlichen Dienst an – deutlich weniger als noch vor zwanzig und dreißig Jahren, sagt Kolja Briedis, Bildungsforscher am Institut DZHW. In jüngster Zeit gibt es aber Indizien für eine neue Sehnsucht nach dem Staatsdienst. Nachdem dieser über Jahre geschrumpft ist, steigt die Zahl der Beschäftigten wieder: 4,6 Millionen Beamte und Arbeitnehmer stehen bei Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherungen in Diensten – 17900 mehr als im Vorjahr und rund 140000 mehr als 2008. Spiegelbildlich hat die Lust, ein Risiko einzugehen und sich selbständig zu machen, einen Tiefpunkt erreicht, schreibt die staatliche Bank KfW in ihrem jüngsten Gründungsmonitor.

          Es sind mehrere Gründe, die den öffentlichen Dienst attraktiv machen. Der Psychologe Stephan Grünewald, der in Köln das Rheingold-Institut leitet und junge Menschen tiefenpsychologisch befragt, schreibt in seinem neuesten Buch, das Lebensgefühl der Jugendlichen sei „geprägt von einer schweren Absturzpanik angesichts heilloser, offener und brüchiger Verhältnisse“. Die Eltern haben sich oft getrennt, die Welt erscheint komplex und unverständlich, spätestens sei der Finanzkrise schwebt eine abstrakte Absturzgefahr über der Jugend. Ein Blick nach Griechenland oder Portugal genügt, um zu erkennen, dass Wohlstandsträume schnell ausgeträumt sein können. „Viele entwickeln eine fast manische Suche nach festen, haltgebenden Ordnungen und Regelwerken“, schreibt Grünewald. Und wo kann man die finden, wenn nicht im Staatsdienst? Für Rebellion ist diese Generation nicht gemacht. Gefragt nach ihren Vorbildern, nennen sie: Papa, Mama und Angela Merkel.

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