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Die neue Romantik der Jugend : Im Sturm und Drang auf den Beamtensessel

Andererseits wird ihnen auch Strebsamkeit, akademischer Fleiß und ein durchaus ausgeprägtes Bewusstsein für den eigenen Marktwert („Generation Y“) attestiert. Die Studenten sind laut der Personalwissenschaftlerin Jutta Rump keineswegs faul. „In Studien wird dieser Generation eine hohe, teilweise sogar die höchste Leistungsbereitschaft attestiert. Aber diese Bereitschaft ist stärker als früher an Bedingungen geknüpft“, sagt sie. Diese Bedingungen – allen voran ausreichend Zeit für Familie und Freunde – erfüllt die Wirtschaft nach Auffassung der Studenten immer weniger. So gesehen ist die neue Zuneigung zum öffentlichen Dienst eine schallende Ohrfeige für die Unternehmen. Diese reagieren auf den sich abzeichnenden Fachkräftemangel mit Appellen. Sie fordern Hilfe von den Schulen, der Politik. Doch liegt das Problem nicht in der modernen Arbeitswelt an sich?

Geringe Aufstiegsmöglichkeiten in Unternehmen

Mit der Globalisierung und den internationalen Produktions- und Lieferketten kamen die „entgrenzten Arbeitszeiten“, wie Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit sie nennt. „Nine to five“, das war einmal. Vom modernen Wissensarbeiter, ob er Einkaufsmanager, Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer oder Banker ist, wird erwartet, dass er in einer Art Bereitschaftsdienst weiterarbeitet, am Laptop oder am Telefon, gedanklich auf jeden Fall. Knapp drei Milliarden Überstunden werden in der deutschen Wirtschaft Schätzungen zufolge jedes Jahr gemacht, die Hälfte davon unbezahlt. Gerade hier kann der Staat als Arbeitgeber punkten. Angestellte einer Großkanzlei müssen nach getaner Aktenarbeit um 18 Uhr noch in ein langes Status-Update-Meeting, während der verbeamtete Staatsanwalt schon seit dem Nachmittag mit seiner Tochter auf dem Spielplatz schaukelt.

Für die Studenten zählt das Ergebnis und nicht die Präsenz, beobachtet Marcus Reif, der das Recruiting von EY in Deutschland leitet. Es mag auf den ersten Blick verwundern, dass ausgerechnet dieses Argument für den öffentlichen Dienst und gegen die Privatwirtschaft spricht – doch heute ist nicht mehr der Staatsdienst das Sinnbild des Stundenabsitzens, sondern die schier endlosen Besprechungs- und Abstimmungsrunden in den Unternehmen. Dort haben die Babyboomer das Sagen, die nach einem nervenaufreibenden Marsch durch die Hierarchiestufen wenig Interesse daran haben, dem Nachwuchs Freiheiten einzuräumen, die sie selbst nicht hatten.

Der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Rüdiger Bachmann sieht die Sache pragmatisch: „Wenn die Firmen gute junge Leute wollen und diese jungen Leute ganz bestimmte Jobcharakteristika wollen“, sagt er, „dann müssen sie die entweder anbieten oder abwandern, aber nicht jammern.“ Doch sie jammern, im Wochentakt beklagen Studien von Industrieverbänden, internationalen Organisationen und Unternehmensberatungen den sich anbahnenden Fachkräftemangel in Deutschland. Dem Handwerk geht schon jetzt der Nachwuchs aus, die Industrie ist als Nächstes dran.

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