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Julian Nida-Rümelin : „Man kann den Menschen keine Technik aufzwingen“

Julian Nida-Rümelin ist Professor für Philosophie und politische Theorie an der Universität München. Bild: dpa

Für den Professor ist Künstliche Intelligenz weder gut noch schlecht. Sie hat zwei Seiten. Im Gespräch mit der F.A.Z. erklärt Nida-Rümelin, warum das so ist und auf welcher Seite er steht.

          Herr Professor Nida-Rümelin, in den kommenden Jahren wird der Alltag in zunehmendem Maße von Robotern bestimmt werden. Welche Herausforderung bedeutet das für die Gesellschaft?

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Diskurs zu diesem Thema zerfällt in zwei Lager: Die Pioniere der Künstlichen Intelligenz sind der Auffassung, es gebe keinen essentiellen Unterschied zwischen der künstlichen und der menschlichen Intelligenz. Dieses Argumentationsmuster ist von der Wissenschaft bis hin zu Spielfilmen zu beobachten, in denen Roboter die Rolle von Menschen übernehmen. Ihr Wunsch ist ein Netzwerk, durch das die Defizite der menschlichen Kreativität aufgezeigt werden. Für sie besteht kein Unterschied zwischen Software und Intelligenz. Das andere Lager sieht riesige Potentiale von Robotern, die wir für menschliche Zwecke nutzen sollten. Es stellt sich die Frage, welcher Einsatz problematisch sein könnte, aber auch welche menschlichen Funktionen ersetzbar sind.

          Welchem Lager gehören Sie an?

          Dem zweiten. In der Robo-Ethics stellt sich die Frage, ob der Verantwortungs-Begriff diffundiert. Hierzu gibt es bedeutsame Beiträge aus der Jurisprudenz. Zwischen die Produzenten von Technik und ihren Konsumenten tritt als dritte Instanz der Roboter, für den eine eigene Versicherung abgeschlossen werden müsste. Ich habe mich gegen solche Ansätze gestellt, weil die genuine Verantwortung an die Intentionalität geknüpft ist. Nicht der Laptop ist böse zu mir. Der fundamentale Verantwortungs-Begriff ist viele Jahrhunderte alt und findet sich schon bei Aristoteles und Platon. Ihn sollten wir im Angesicht der Maschinen nicht leichtfertig aufgeben.

          Wie wird dieser Begriff etwas handhabbarer für die Frage, was Roboter für den Alltag bedeuten?

          Schon in der Rechtsprechung haben wir daraus tief verankerte Kriterien abgeleitet. Es gibt eine Sorgfaltspflicht, die jemand einhalten muss, der handelt. So praktizieren wir das im Alltag. Wir fragen vor Gericht, ob ein Täter die Folgen seines Tuns hätte wissen können. Im Falle eines Autounfalls sagen wir, ein Opfer hätte sich anschnallen müssen. Das hat sich in unserem Recht ausgeprägt. Für jede Technologie, die eingeführt wird, müssen wir solche Kriterien einbeziehen. Die Kernenergie wird selbst nach dem Atomausstieg über Jahrtausende Wirkung haben. Dafür müssen wir Diskurse und Institutionen entwickeln und können die Verantwortung nicht Individuen übertragen. Auch die Verantwortung für neue Entwicklungen wie das autonome Fahren kann man nicht dem Spiel von Angebot und Nachfrage allein überlassen.

          Welche ethischen Abwägungen müssen vor dem Einsatz von Robotern getroffen werden?

          Wenn wir nach Japan schauen, werden dort schon Roboter in der Pflege eingesetzt – etwa wenn Pflegebedürftige gehoben werden. Hier wird eine Ambivalenz deutlich: Der Einsatz der Technik muss nicht unbedingt als Beitrag zur Dehumanisierung im Umgang mit bedürftigen Menschen verstanden werden, denn es gehört auch zur Menschenwürde, den Intimbereich der Betroffenen zu schützen. Es gibt Pflegebedürftige, die ihren Privatbereich schützen und keine Hilfe auf der Toilette annehmen wollen. Für sie wäre es ein Beitrag zur Menschenwürde, wenn ihnen ein Roboter und nicht ein Mensch nahe tritt. Die ethische Abwägung hängt also nicht von der Technologie, sondern von der Art ihres Einsatzes ab.

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