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Julian Nida-Rümelin : „Man kann den Menschen keine Technik aufzwingen“

Welche Institutionen sollten über solche Fragen verhandeln?

Sowohl das juridische als auch das politische System hat Defizite, wenn es um den Einsatz neuer Technologien geht. Kollektive Entscheidungen wie die für den Bau des Stuttgarter Tiefbahnhofs lassen juristisch nur den Widerspruch von Akteuren zu, die auf der Basis ihrer persönlichen Interessenlage einen konkreten Einspruch formulieren können.

Das politische System reagiert sensibler auf wissenschaftlichen Sachverstand und öffentliche Stimmungen, tut sich aber schwer mit Formen der bürgerschaftlichen Beteiligung. Wie schon Ulrich Beck in der „Risikogesellschaft“ habe ich beim Aushandeln des Einsatzes von Energietechnologien für einen neuen Gesellschaftsvertrag plädiert. Hier müssen wir den bestehenden durch Verfahren des öffentlichen Diskurses komplettieren. Auch die Folgen des autonomen Fahrens können wir nicht der Autowirtschaft und den Verwaltungsgerichten überlassen. Bei solchen komplexen Fragestellungen brauchen wir einen breiteren Diskurs: Je partizipativer er ausgestaltet ist, desto schwieriger wird es, ihn zu gestalten.

Aber viele Entwicklungen sind sehr viel intransparenter – alle Entwicklungen in der Robotik etwa, die auf eine stärkere Vernetzung von Künstlicher Intelligenz und Mensch setzen.

Wir haben bei der Einführung der Kernenergie schlechte Erfahrungen gemacht. Zunächst stellte sich die Energiewirtschaft gegen die Politik, dann entwickelte sich aus den Beteiligten des Fachdiskurses eine Expertokratie, die sich gegen die Öffentlichkeit wandte. In der Gentechnik waren die Fachleute noch zurückhaltender: Die Experten forderten ein Moratorium und warnten vor den Risiken des eigenen Tuns. Daraus ist ein nicht sehr gelungener, hoch ideologisierter Prozess mit einer unrühmlichen Rolle der Kirchen entstanden. So gelang es nicht, die Debatte zu versachlichen. Der Rückblick zeigt: Eine Vorabfestlegung der Entscheidungsträger ist nicht hilfreich. Es geht um einen begleiteten öffentlichen Diskurs – in der Frage, ob wir die Fahrerverantwortung aufgeben wollen genauso wie beim Einsatz von Robotik in der Pflege.

Was bedeutet das für die Entwickler, die Ingenieure, die diese Technologien vorantreiben?

Die Wissenschaft ist genauso wie die Ingenieure nur ein Teil des Ganzen. Es kann nicht sein, dass wie im Mandarinstaat alter chinesischer Prägung nur einige Hochgebildete über den Einsatz von Technik entscheiden. Wissenschaft und Technik müssen sich ins Getümmel stürzen. Sie haben keine Legitimierung, die Gesellschaft mit Hilfe der Technik in ihrem Sinne zu formen. Das verlangt schon das Paternalismus-Verbot in freien Gesellschaften. Wir dürfen für andere Individuen selbst dann nicht entscheiden, wenn wir meinen, dass wir sein Wohlergehen besser berücksichtigen als es selbst. Selbst wenn der Arzt recht hat, darf er dem Raucher nicht das Rauchen verbieten. Wir sind für uns selbst verantwortlich. Man kann den Menschen keine Technik aufzwingen, wenn sie sie nicht wollen. Das klammern die Fürsprecher der Künstlichen Intelligenz meist aus.

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