https://www.faz.net/-gqe-9d80y

Julia Klöckner und die Dürre : Die Regenmacherin

Die Frage ist bloß, und hier beginnt das Risiko, das die Dürre für Klöckner mit sich bringt, wie lange sie das durchhalten kann. In der Bundestagsfraktion der Union führen bei dem Thema Abgeordnete das Wort, die selbst Landwirte sind. Die nächste Landtagswahl steht im Agrarland Bayern an, drei Länder im dürregeplagten Osten sind nächstes Jahr dran. „Wir sollten in dieser Situation nicht kleinlich sein“, ließ deshalb Fraktionschef Volker Kauder vor zehn Tagen wissen. „Die Landwirte erzeugen unsere Lebensmittel und pflegen unsere Landwirtschaft.“ Pflichtschuldig fügte er noch hinzu, das Abwarten der Erntebilanz sei richtig. Aber es klang, als ob das Ergebnis für Kauder schon feststünde, genaue Zahlen hin oder her: Klöckner soll beidrehen. Wenn nicht jetzt, so doch spätestens Ende des Monats.

An diesem Montag lässt Klöckner ihren Staatssekretär mit den Vertretern der Länder erste Schätzungen austauschen, wie schlecht die Getreideernte tatsächlich ausgefallen ist. Sie selbst ist dann demonstrativ nicht dabei, um sich mit den Forderungen nicht zu infizieren. Die Länder haben schon vorab üppige Schadensmeldungen nach Berlin geschickt. In Schleswig-Holstein sind es angeblich 422 Millionen Euro, in Sachsen 308, in Sachsen-Anhalt 237, in Hessen 150 Millionen Euro, die den Landwirten wegen der Dürre fehlen. Das macht allein für diese vier Länder rund 1,1 Milliarden Euro – und damit mehr als die eine Milliarde Euro, die der Bauernverband vom Bund als Krisenhilfe fordert. Nur weiß angeblich niemand, woher Wochen vor dem Abschluss der Ernte derart genau berechnete Zahlen kommen.

Idealbild der neuen Christdemokratin

Klöckner bleibt bisher bei ihrer Linie, sie greift die Bauern sogar direkt an, jedenfalls einige von ihnen. „Betriebe, die Anfang August schon vor Liquiditätsproblemen stehen, haben andere Schwierigkeiten als die Dürre“, sagt sie. „Und den Viehhaltern hilft jetzt in erster Linie nicht Geld, sie brauchen Futter für ihre Tiere.“ Schon am Mittwoch will sie im Bundeskabinett beschließen lassen, Zwischenfrüchte auf ökologischen Vorrangflächen für die Nutzung als Tierfutter freizugeben. Die Linie ist: Das Steuergeld halten wir zusammen, vorerst jedenfalls, aber unterhalb dieser Schwelle tun wir alles, was den Landwirten hilft.

Für Klöckner ist die Dürre die Schlacht ihres Politikerlebens. An ihr entscheidet sich, ob die 45-Jährige, die einst als Hoffnungsträgerin der Union begonnen hat, nach sieben eher ernüchternden Jahren im heimischen Rheinland-Pfalz auf der Berliner Bühne in ihre frühere Rolle zurückfindet.

Als Klöckner 2002 zum ersten Mal in den Bundestag einzog, war sie bald der nicht ganz so heimliche Star unter den jüngeren CDU-Politikern. Ihre Nominierung verdankte sie, wie sie stets ganz offen bekannte, der Frauenquote. Anders als die männlichen Kandidaten vor ihr schaffte sie es dann aber, ihren Wahlkreis direkt zu gewinnen und in den folgenden beiden Wahlen auch zu behaupten. Als ehemalige Deutsche Weinkönigin, die Politik studiert und anschließend jahrelang in einem Fachverlag für Weinmagazine gearbeitet hatte, entsprach sie dem Idealbild der neuen Christdemokratin aus der Merkel-Ära: bodenständig und doch aufgeschlossen. Dass sie damals mit einem Journalisten und Mediengestalter zusammenlebte, der politisch ziemlich weit links stand, rundete das Bild ab. Entsprechend gefördert wurde sie von der Parteivorsitzenden. Am Ende ihrer ersten Berliner Jahre hatte sie es zur parlamentarischen Staatssekretärin im Agrarministerium gebracht.

Weitere Themen

Elon Musk will dem Mensch ans Hirn Video-Seite öffnen

Neue Form der Kommunikation? : Elon Musk will dem Mensch ans Hirn

Über implantierte Drähte und eine kabellose Verbindung will der Start-up-Unternehmer das menschliche Gehirn mit einem Interface außerhalb des Körpers verbinden. So soll eine neue Form der Kommunikation möglich werden.

Topmeldungen

Missbrauchsfall Lügde : Angeklagter zu Bewährungsstrafe verurteilt

Der Mann soll nicht direkt an dem Missbrauch beteiligt gewesen sein, sondern per Webcam zugeschaltet. Ein Gutachter hatte ihn für voll schuldfähig erklärt. Die Vorsitzende Richterin nannte die Taten „schäbig und menschenverachtend“.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.