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Haltungsjournalismus : Gut gemeint

Luisa Neubauer (schwarze Jacke, graue Mütze) fragt sich, ob die Demokratie Probleme wie den Klimawandel schnell genug in den Griff bekommt. Bild: AFP

Unter Jüngeren besteht der Wunsch, Journalismus solle über das Richtige ausreichend und positiv berichten. Dass unabhängige Medien den Mächtigen auf die Finger schauen, ist offenbar weniger wichtig. Journalismus geht anders.

          2 Min.

          Kürzlich klingelte das Telefon. Ein Student hatte ein paar Fragen für seine Bachelor-Arbeit im Fach Journalismus. Ihn interessierte, wie Journalisten arbeiten, und die Rolle der Medien in der Demokratie. Dazu lässt sich einiges sagen. Das Gespräch nahm also Fahrt auf. Und hatte einen eigenartigen Verlauf.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Der freundliche Interviewer wollte wissen, ob es denn richtig sei, dass wir für gewisse Artikel im Internet Geld verlangen. Er sei auf unserer Website gewesen und habe nicht alles lesen können. Was denn daran falsch sei, bekam er daraufhin als Gegenfrage. Journalistische Arbeit habe ihren Preis, genau wie ein Brötchen beim Bäcker oder Nudeln im Supermarkt. Der Student verstand das nicht. Es schien, als sei ihm eine staatliche Finanzierung lieber, wenn die Menschen dafür alle Inhalte kostenlos bekämen. Journalistische Unabhängigkeit und ein kritischer Blick auf die staatlichen Akteure? War ihm offenbar nicht so wichtig.

          Als nächstes wollte der Student wissen, ob das Thema Nachhaltigkeit nicht im Pressekodex verankert werden sollte. Ob Journalisten also ermahnt oder verpflichtet werden sollten, häufig und vor allem positiv über Klimaschutz und vergleichbare Themen zu berichten. Bedenken, dass eine solche Vorgabe mit der Pressefreiheit kollidieren würde, hatte der Fragesteller wohl nicht.

          Ökonom Justus Haucap wird für seine Kritik an DIW-Forscherin Claudia Kemfert angefeindet.
          Ökonom Justus Haucap wird für seine Kritik an DIW-Forscherin Claudia Kemfert angefeindet. : Bild: Edgar Schoepal

          Dabei wäre es ein absoluter Dammbruch, wenn man damit anfinge, den Medien vorzuschreiben, worüber und mit welcher Wertung sie zu berichten haben. Dem Studenten, der am Ende sagte, er sei auch freier Mitarbeiter für den „WDR“, schien aber vor allem eins wichtig zu sein: dass über das in seinen Augen Richtige ausreichend und positiv berichtet wird. Der Journalist als Volkserzieher also. Das Gespräch endete höflich, aber in gegenseitigem Unverständnis.

          So ein Gespräch macht nachdenklich und ein bisschen ratlos. Und zwar vor allem, weil sich das Gefühl erhärtet, der angehende Journalist steht mit seiner Gesinnung nicht alleine da. Um im festen Glauben für das Richtige einzutreten, soll mit Errungenschaften gebrochen werden, die noch vor wenigen Jahren unantastbar erschienen. Sogar die Demokratie selbst ist davor nicht mehr sicher.

          Historisch gesehen, hätten demokratische Prozesse zwar am besten funktioniert, sagt zum Beispiel die Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Ergänzt aber freimütig: „Manchmal dauern sie zu lange. Wir müssen Demokratie neu denken.“ Wer Bedenken gegen diese Tendenzen äußert, gerät in Gefahr, zu den „Bösen“ gezählt zu werden – selbst wenn es bei der Kritik gar nicht um die Ziele geht, sondern um die Methoden, sie zu erreichen.

          Wie schnell man auf diese Weise ins Abseits geschossen wird, musste in dieser Woche der Düsseldorfer Ökonom Justus Haucap erfahren. Der Mann ist beileibe kein Leugner des Klimawandels, sondern ein Forscher, den es stört, dass die Energiewende viel teurer ist, als sie es sein müsste, würde man sie anders gestalten. Haucap und andere Wissenschaftler hatten es gewagt, ihre Forscherkollegin Claudia Kemfert öffentlich anzugreifen.

          Kemfert unterstütze die Energiewende mit zugespitzten Thesen und verbreite irreführende Zahlen, lautete ihr Vorwurf, der im „Handelsblatt“ zu lesen war. Auf Twitter entbrannte eine Debatte, sie gipfelte in einem Artikel auf „Spiegel Online“. Wer ihn ohne Vorkenntnis liest, kann den Eindruck bekommen, Haucap kritisiere Kemfert nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern weil er ein von der Kohlelobby gekaufter Forscher ist.

          Das Diskussionsklima ist vergiftet. Leider tragen Journalisten viel zu häufig dazu bei. Als in dieser Zeitung am Freitag ein Artikel erschien, der den Streit der Ökonomen zusammenfasste, erkannte ein Video-Podcaster mit großer Reichweite unter jüngeren Leuten darin „die Kampagne neoliberaler Ökonomen und Klimawandelverleugner“.

          Das mag Klicks bringen, aber keine vernünftige Debatte. Zum Streit der Ökonomen hatte ein Forscher kommentiert: „Wissenschaft geht anders.“ Dem kann man mit Blick auf solche Entgleisungen nur hinzufügen: Journalismus auch.

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