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Neuer Bundesbankchef Nagel : Wie Weidmanns Nachfolger tickt

Joachim Nagel soll Nachfolger von Jens Weidmann werden. Bild: AP

Joachim Nagel soll neuer Bundesbankpräsident werden. Er ist ein erfahrener Notenbanker und hat oft ähnliche Positionen wie Jens Weidmann vertreten.

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          Joachim Nagel soll neuer Bundesbankpräsident werden. Finanzminister Christian Lindner (FDP) twitterte am Montag, dass Bundeskanzler Olaf Scholz und er Nagel als Nachfolger von Jens Weidmann vorschlagen. Angesichts von Inflationsrisiken wachse die Bedeutung einer stabilitätsorientierten Geldpolitik. „Er ist eine erfahrene Persönlichkeit, die die Kontinuität der Bundesbank sichert", schrieb Lindner. Und sonst?

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nagel ist ein freundlicher Mensch, ein rabiates Auftreten ist seine Sache nicht. Der 55-jährige Volkswirt mit der dunklen Brille stammt aus Karlsruhe und hat dort auch sein Studium bis zur Promotion absolviert. Zeitweise war er in den neunziger Jahren Referent für Wirtschafts- und Finanzpolitik beim SPD-Parteivorstand in Bonn. Nach Stationen bei der Landeszentralbank in Hannover, der Bundesbank und der KfW-Bankengruppe arbeitete er zuletzt im Management der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die auch die „Bank der Zentralbanken“ genannt wird. Nun soll Nagel Nachfolger von Bundesbankpräsident Jens Weidmann werden, der zum Jahresende ausscheidet.

          Ein spannender Wechsel: Weidmann hat sich in den zehn Jahren seiner Amtszeit den Ruf eines „Falken“ im EZB-Rat erarbeitet, also eines Befürworters einer strafferen Geldpolitik. Unermüdlich kämpfte er, wenn auch diplomatisch, im EZB-Rat für die Sichtweise der Bundesbank. Deshalb ist die Frage besonders interessant, ob Nagel diesen Kurs fortsetzen wird; oder ob da nun ein Richtungswechsel zu erwarten ist.

          Erleichterung am Finanzplatz

          Immerhin: Weder aus der Bundesbank noch aus der Europäischen Zentralbank war von großen Protesten zu hören, als die Nachricht erstmals kursierte, dass Nagel diesen Posten bekommen könnte. Während für die Ampelkoalition unter dem neuen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zweifellos eine Rolle spielen dürfte, dass Nagel SPD-Mitglied ist, wird in den Notenbanken offenbar besonders geschätzt, dass er Erfahrungen im Notenbanker-Alltag aus der Bundesbank mitbringt. Dort war er als Vorstandsmitglied zwar nicht unmittelbar für die Geldpolitik zuständig, sondern für die Finanzmärkte. Gleichwohl zählt das als Praxiserfahrung in dieser Institution – Nagel geht gleichsam als „Bundesbanker“ durch.

          Viele Altgediente am Finanzplatz Frankfurt, die der traditionellen Bundesbank-Politik sehr verbunden sind, scheinen froh zu sein, dass es Nagel geworden ist und nicht EZB-Direktorin Isabel Schnabel oder DIW-Chef Marcel Fratzscher, über die auch spekuliert worden war und von denen sie größere Abweichungen vom Weidmann-Kurs erwartet hätten. Eine internationale wissenschaftliche Koryphäe für Geldpolitik ist Nagel bislang nicht, wie manche kritisch anmerken. Aber das sei Weidmann auch nicht gewesen, als er sein Amt antrat. Er kam damals aus dem Berater-Stab von Angela Merkel – und habe das Amt trotzdem auf auch akademisch hohem Niveau gut ausgefüllt.

          Nagel gilt als Mann des früheren Vorstands Kotz

          In der breiten Öffentlichkeit dürfte Nagel vielen unbekannt sein. Der Ökonom Friedrich Heinemann vom Forschungsinstitut ZEW in Mannheim meint, das könnte sogar ein Vorteil sein. Er sieht Nagel als „unbeschriebenes Blatt“, ohne „öffentliche Vorfestlegungen“: „Joachim Nagel ist in der Bundesbank sozialisiert und ein erfahrener Zentralbanker“, hob Heinemann hervor. „Er verfügt über eine umfassende geldpolitische und finanzielle Expertise, die für die komplexen geldpolitischen Entscheidungen heutzutage unabdingbar ist.“ Ihm sei zuzutrauen, dass er weiterhin die deutsche Bundesbanktradition in die Debatten im EZB-Rat tragen werde, ohne dabei ideologisch fixiert zu sein: „Mit ihm dürfte die Bundesbank ihrer Linie treu bleiben.“

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