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Labour-Chef Jeremy Corbyn : Kein Genosse der Bosse

Labour-Chef Jeremy Corbyn im November auf einer Konferenz in London Bild: EPA

Britische Manager fürchten den Brexit – aber noch mehr sorgen sie sich, dass dieser den Sozialisten und Labour-Chef Jeremy Corbyn an die Macht bringen könnte.

          Vergangene Woche auf dem Abendempfang eines britischen Großunternehmens: Der Vorstandschef, dessen Konzern fast 30.000 Mitarbeiter beschäftigt, beklagt den Brexit. Er hält den EU-Austritt wie die meisten Wirtschaftsführer auf der Insel für einen schweren Fehler. Aber auch der Linksschwenk der britischen Sozialdemokraten beobachtet der Manager mit Sorge. Was macht ihm mehr Angst: Ein möglicher Chaos-Brexit im nächsten Frühjahr oder, dass die politischen Wirren den Labour-Chef Jeremy Corbyn an die Macht bringen könnten?

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Der Manager muss nicht lange nachdenken: „Corbyn ist eindeutig die größere Bedrohung. Das ist ein radikaler Marxist.“ In den Wirtschaftszirkeln der britischen Hauptstadt begegnet man regelmäßig dieser Furcht vor einem roten Königreich. Auch für viele Banker in der Londoner City ist ein Premierminister Corbyn eine Horrorvorstellung. Der stellvertretende Chefredakteur eines renommierten britischen Wirtschaftsblattes flüchtet sich in Fatalismus: „Vielleicht sollte er wirklich der nächste Regierungschef werden“, findet er. „Corbyn würde grandios scheitern, aber wenigstens hätten dann alle gesehen, dass der Sozialismus nicht funktioniert, und wir bekämen hoffentlich wieder eine vernünftige Politik.“

          Seit drei Jahren ist Corbyn nun Labour-Parteichef. An den Posten ist er damals, im Herbst 2015, völlig überraschend gekommen. Labour war nach einer weiteren verheerenden Wahlniederlage in einem ähnlich desolaten Zustand wie heute die deutschen Sozialdemokraten. Per Urabstimmung wählten die Mitglieder den Altlinken und Parlamentshinterbänkler Corbyn, der über Jahrzehnte hinweg ein einflussloser Außenseiter in seiner Partei gewesen war, zum Vorsitzenden. Viele Beobachter glaubten damals, mit Corbyn an der Spitze sei Labour endgültig erledigt. Aber es ist ganz anders gekommen.

          Der Linkskurs von Labour kommt gut an

          Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr haben die britischen Sozialdemokraten mit einem leuchtend roten Wahlprogramm das beste Wahlergebnis seit 16 Jahren eingefahren. Labour hat heute rund 540.000 Parteimitglieder, fast dreimal so viele wie 2014 und so viele wie seit vier Jahrzehnten nicht mehr. Während in Deutschland, Frankreich, Österreich, den Niederlanden und anderen europäischen Ländern die sozialdemokratischen Parteien dahinsiechen, hat Labour in Großbritannien eine erstaunliche Wende in der Wählergunst geschafft. Dem 69 Jahre alten Corbyn ist das Kunststück gelungen, das traditionelle Arbeitermilieu wieder für Labour zu mobilisieren und viele junge Briten, die sich früher für Politik nicht groß interessiert haben.

          Für britische Verhältnisse hat Corbyn seine Sozialdemokraten weit nach links gerückt. Andererseits: Nach kontinentaleuropäischen Maßstäben klingen viele seiner wirtschaftspolitischen Programmpunkte wenig radikal, sondern eher nach Mainstream. Corbyn will den in den vergangenen Jahrzehnten privatisierten Eisenbahnverkehr, die Post und die Wasserversorger wieder unter staatliche Kontrolle bringen. Er will große Unternehmen dazu verpflichten, ein Drittel der Sitze in ihren Verwaltungsräten Arbeitnehmervertretern zu überlassen, und er will jungen Briten einen Universitätsbesuch ohne die derzeit obligatorischen hohen Studiengebühren ermöglichen. Alles Dinge, die in Deutschland Normalität sind.

          Bei vielen Briten kommt der neue Linkskurs von Labour gut an: Umfragen sehen die Sozialdemokraten in der Wählergunst etwa gleichauf mit Theresa Mays Konservativen. Corbyn weiß, dass der Brexit ihm schon bald die Chance auf einen Machtwechsel eröffnen könnte: May schlägt auf der Insel von allen Seiten die Kritik an ihrem Austrittsvertrag mit der EU entgegen. Die europäischen Regierungschefs haben das Abkommen zwar am Wochenende abgesegnet, aber wenn das Londoner Parlament im Dezember sein Veto einlegt, könnte dies das Ende von Mays Regierung bedeuten. Die von Corbyn angestrebten Neuwahlen wären dann ein möglicher Ausweg aus der politischen Sackgasse.

          In Sachen Brexit bleibt Labour bisher vage und widersprüchlich. Im Grunde ist Corbyn ein EU-Gegner, der Sozialist hält den Staatenbund mit seinem Binnenmarkt und grenzenlosen Warenhandel für ein neoliberales Projekt zum Nachteil der europäischen Arbeiterklasse. Aber der Parteichef muss eben auch Rücksicht nehmen auf die vielen jungen Proeuropäer, die Labour in den vergangenen Jahren gewonnen hat und die den Brexit für einen historischen Fehler halten.

          Unter einem Premierminister Corbyn würde Großbritannien vermutlich versuchen, den im März 2019 anstehenden EU-Austritt zu verschieben, um Zeit für Nachverhandlungen mit Brüssel über den Brexit-Deal zu schaffen. Ironischerweise steht der Altlinke mit manchen Positionen der Wirtschaft näher als Mays Konservative: So will Corbyn, anders als May, auf Dauer in einer Zollunion mit der EU bleiben. Das fordert auch der größte britische Unternehmensverband CBI.

          Freunde sind der rote Volkstribun und die Manager deshalb trotzdem nicht geworden: „Business as usual“ sei in der britischen Wirtschaft und Gesellschaft kein Rezept für die Zukunft, sagte der Labour-Chef vergangene Woche in einer Rede auf dem CBI-Jahreskongress. „Wenn die Regeln für die überwältigende Mehrheit nicht funktionieren, dann müssen die Regeln geändert werden.“ Labour setze auf „command and control“ statt auf Partnerschaft mit den Unternehmen, entgegnete eisig die CBI-Generaldirektorin Carolyn Fairbairn: „Das ist nicht der Wandel, den wir brauchen.“

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