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Jens Südekum : Der Ökonom der Mächtigen

Jens Südekum Bild: Jana Mai

Egal, ob es um Trumps Zölle geht, um niedrige Zinsen oder abgehängte Regionen: Jens Südekum weiß Rat. Immer mehr Politiker wollen ihn hören. Wer ist dieser Mann?

          6 Min.

          Der Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und China eskaliert, Europa droht zwischen die Fronten zu geraten. Was tun? Das ist nur eine von vielen Fragen, vor der Deutschlands Wirtschaft und die zustäindigen Politiker gerade stehen. Deutschland hat fast die Vollbeschäftigung erreicht – aber warum wachsen die Löhne trotzdem nicht schneller? Macht die Digitalisierung halb Deutschland arbeitslos? Sollte das Land die Schuldenbremse aufheben, damit die Bundesregierung künftig wieder mehr Schulden aufnehmen kann? Wer sich für solche Fragen interessiert, der muss einen Mann kennen lernen: Jens Südekum, 43 Jahre, Professor für Volkswirtschaft an der Universität Düsseldorf.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bisher ist Südekum vor allem Eingeweihten ein Begriff. Er ist nicht der Leiter eines großen Forschungsinstituts. Er taucht noch nicht jeden Abend in den Talkshows auf. Aber er ist mit Gastbeiträgen und eigenen Ideen immer häufiger in den Wirtschaftsteilen der großen Zeitungen und Internetseiten präsent – und jenseits aller Schlagzeilen findet er in der Politik schon großes Gehör.

          Als das Wirtschaftsministerium noch unter Führung der SPD stand, organisierte er dort eine Konferenz über Deutschlands Rolle in der Globalisierung. So legte er die Grundlagen für die Debatte über Deutschlands Positionierung zwischen den Vereinigten Staaten und China. Im Finanzministerium wirkt Vizekanzler Olaf Scholz – und dessen Vertrauter, der Staatssekretär Wolfgang Schmidt, lobt Südekum: „Ich schätze seine Arbeit sehr. Und ich bin damit nicht allein.“ Was meint Schmidt? Nicht nur die SPD verlässt sich auf Südekums Rat. Als CDU-Wirtschaftsminister Altmaier mit der versammelten Ökonomen-Prominenz seine Industriepolitik diskutierte, saß Südekum am Tisch. Und wenn die CDU ihre wirtschaftspolitischen Berater zum so genannten „Bibliothekskreis“ versammeln, dann bekommt inzwischen auch Friedrich Merz eine Einladung und wartet dort auf seine Stunde – aber Jens Südekum macht in diesem Bibliothekskreis schon lange mit. Auch FDP und Grüne reden immer wieder mit ihm. Dieser Erfolg lässt sich inzwischen sogar in Zahlen messen: Im F.A.Z.-Einflussranking der deutschen Ökonomen ist zuletzt niemand so schnell nach oben geschossen wie Jens Südekum.

          Jens Südekum ist SPD-Mitglied

          Dass er bei Union und FDP so beliebt ist, ist nicht selbstverständlich. Südekum hat kein Problem damit, wenn er als linker Ökonom bezeichnet wird, auch wenn er sich selbst nicht so sehen möchte. Sicher ist: Südekum ist SPD-Mitglied. So ist er schon aufgewachsen: „glücklich und in kleinen Verhältnissen“, so sagt er - aber die Kinder sollten eine gute Bildung bekommen, das war wichtig, er war der erste Student seiner Familie.

          Doch die SPD-Mitgliedschaft verringert seinen politischen Einfluss nicht. Die ganze Volkswirtschaft arbeitet erheblich weniger ideologisch, als das noch vor 20 Jahren der Fall war. Früher verteidigten viele Ökonomen Märkte bei allen sich bietenden Gelegenheiten, heute fragen alle eher danach, wo sich Märkte eignen, wo sie ihre Grenzen haben und was sich dann tun lässt. „Ich habe den Eindruck, dass wir bei der jüngeren Generation eine post-ideologische Haltung sehen – ohne dass sie unpolitisch oder ungefähr würden“, sagt der Scholz-Vertraute Schmidt. Diese Ideologieferne wird gelegentlich schon als Linksruck wahrgenommen, dabei gibt es heute noch eher konservativere und linkere Ökonomen, sie stellen es nur nicht mehr so ins Zentrum ihrer Arbeit.

          Doch an Südekums Wortmeldungen bemerkt man schon, dass er gelegentlich andere Fragen stellt als andere. Zum Beispiel kümmert sich Südekum mit großem Engagement um die Unterschiede zwischen Stadt und Land. Er hat ausgerechnet, dass die regionalen Unterschiede größer werden. Er hat analysiert, dass die Regionen, die von der Globalisierung am meisten getroffen werden, sich eher von der SPD ab- und der AfD zuwenden. Muss Deutschland seine Landstriche deshalb dauerhaft alimentieren? Nein, findet Südekum. Das gäbe den Menschen dort ihr Selbstwertgefühl auch nicht zurück. Er denkt nicht über immer höhere Transfers nach, sondern darüber, wie Menschen in diesen Regionen möglichst gut wieder eine neue Stelle finden.

          Kostet die Digitalisierung Arbeitsplätze?

          Südekums Nachdenken über abgehängte Regionen trifft sich mit dem Nachdenken über die Digitalisierung. Auch mit ihr beschäftigt sich Südekum: Wird sie Arbeitsplätze kosten? Als Horrorszenarien davon gehandelt wurden, dass 40 Prozent der Arbeitsplätze wegfallen könnten und aus Amerika düstere Zahlen kamen, untersuchte Südekum das einfach mal für Deutschland. Mit einem Ergebnis, das Deutschland wenigstens ein bisschen optimistisch stimmen kann: Hierzulande kosten Roboter bisher keine Arbeitsplätze. Unternehmen mit vielen Robotern stellen etwas weniger junge Mitarbeiter ein, dafür werden in anderen Branchen neue Arbeitsplätze geschaffen.

          Allerdings hat Südekum auch ermittelt, dass die Arbeiter ihre Lohnforderungen etwas zurückschrauben, während die Unternehmen gleichzeitig von den Robotern profitieren. Was also tun? Wieder gibt sich Südekum nicht so ideologisch, dass er eine große Umverteilung fordern würde. Seine Idee ist eleganter: Er schlägt vor, mehr Fachhochschulen einzurichten. Die sollen viel mehr Deutsche qualifizieren und so nebenbei dafür sorgen, dass viel mehr Mittelständler die Chancen der Digitalisierung nutzen können. Mit so einer Idee ist er bei praktisch allen Ökonomen und praktisch allen Parteien anschlussfähig.

          Warum Südekum nicht in den Sachverständigenrat kam

          Vielleicht hat Südekum seine SPD-Mitgliedschaft zu gut versteckt. Als in diesem Jahr Peter Bofinger im Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen aufhörte, stand Jens Südekum gleich bei mehreren in der Bundesregierung für die Nachfolge auf dem Zettel. Doch es handelte sich um den Sitz, für den die Gewerkschaften mitreden dürfen. Der Gewerkschaftsbund preschte vor und nominierte Achim Truger. Der hat im März sein Amt angetreten hat, trotzdem ist Südekum in der Öffentlichkeit immer noch präsenter und hat in der Politik nichts von seiner Beliebtheit eingebüßt. Den Grund dafür sieht er auch in seiner Twitterei: „Früher wurden im Prinzip nur Institutspräsidenten und Mitglieder des Sachverständigenrats gehört. Dank der sozialen Medien hat heute jeder die Chance, durch fundierte Äußerungen aufzufallen. So ist der Diskurs verbreitert worden“, sagt er.

          Südekum hat aber nicht nur Thesen, denen alle zustimmen. Quasi in einer großen Koalition zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern hat Südekum sich mit dem Präsident des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, zusammengefunden. Gemeinsam fordern sie jetzt vor dem kommenden Abschwung, die Schuldenbremse zu lockern, damit gar nicht erst die Gefahr entstehe, dass der Staat vielleicht zu wenig investiere. „Warum sollten wir neue Forschungsinstitute mit den Steuereinnahmen eines einzelnen Jahres finanzieren, wenn es auf Jahre hinaus nützt? Das ist schlechte Ökonomik“, sagt Südekum. „Wenn man so argumentiert, kann man auch mit FDP-Abgeordneten zumindest über dieses Thema sprechen.“

          Südekum ist flexibel genug, sich immer wieder auf neue Themen einzulassen. Traditionell sind seine Schwerpunkte die Regionalökonomie und der Außenhandel. Doch Südekum forscht nicht jahrzehntelang an einem persönlichen Lieblingsthema, um sich kurz vor der Rente darüber zu beschweren, dass nie jemand etwas von ihm hören wollte. Er kümmert sich um die unterschiedlichsten Themen, die aber alle demnächst relevant werden – und während andere das Fachgebiet noch entdecken müssen, hat Südekum schon eine solide Studie parat, die schon mal weiterhilft.

          Bassist in drei Bands – doch Noten lesen kann er nicht

          Dieser Mann kann sich einfach nicht festlegen. Als Student hat er in drei verschiedenen Bands Bass gespielt: eine AC/DC-Coverband, eine Popband und eine für Blues. Angefangen hat alles aus einer Bierlaune mit ein paar Freunden heraus. „Drei Freunde wollten eine Schülerband gründen. Schlagzeuger, Leadgesang und Gitarre waren schnell besetzt, dann braucht man noch einen Bassisten, ich habe ja gesagt“, erzählt Südekum. „Am nächsten Tag habe ich einen Bass gekauft, eine Woche später war die erste Probe.“ Noten lesen kann er bis heute nicht.

          Soll aber keiner glauben, seine Wissenschaft wäre unfundiert. Seine wissenschaftlichen Leistungen sind unbestritten, seinen ersten Lehrstuhl bekam er schon mit 31 Jahren. „Er ist sicher der führende Regionalökonom Deutschlands, er ist ein ganz hervorragender Außenhandels-Ökonom, und er hat zu Recht eine international exzellente Reputation“, lobt Deutschlands anderer großer Außenhandelsökonom, Gabriel Felbermayr, der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Nur manchmal, sagt Felbermayr, würde er aus Südekums Studien auf Basis einzelner Unternehmen weniger allgemeine Schlüsse ziehen– etwa in Fragen der Digitalisierung.

          Da verteidigt ihn Justus Haucap, der Präsident des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomik, an dem Südekum arbeitet: „Mir scheint, dass es ein allgemeines Problem in der Kommunikation von Forschungsergebnissen ist, dass die Grenzen der Erkenntnis sich nicht immer leicht vermitteln lassen“, sagt Haucap. Manchmal gingen dann in der Kommunikation die Einschränkungen verloren. Viele Ökonomen aber seien eher zu vorsichtig. „Wenn man aber nichts sagt, besetzen oft andere ,Experten’ das Thema, und die Stimme der Ökonomen geht ganz verloren.“ Tatsächlich schieße fast jeder Ökonom, der öffentlich kommuniziert, gelegentlich übers Ziel hinaus– „ich auch“.

          Was also tun im Handelskrieg zwischen Amerika und China, Professor Südekum? Donald Trump versucht gerade, den chinesischen Telekommunikationskonzern Huawei zu isolieren: ihn von amerikanischer Technik auszuschließen und die Europäer davon zu überzeugen, dass sie dessen Produkte nicht mehr einsetzen. Möglicherweise werden die Drohungen eines Tages so hart wie in Sachen Iran, als sich europäische Unternehmen zwischen Geschäften mit den Vereinigten Staaten und Geschäften mit Iran entscheiden mussten.

          Südekum plädiert tatsächlich dafür, Huawei kaum noch einzusetzen – allerdings aus einem anderen Grund. „Es geht nicht darum, sich Vorschriften machen zu lassen“, sagt er. „Wir müssen jetzt etwas tun, was wir schon früher hätten tun sollen: auf europäische Technologien setzen, zumal Huawei vom chinesischen Staat stark subventioniert wird.“ Andere Ökonomen würden entgegnen: Wir lassen gerne den chinesischen Staat das deutsche Handynetz bezuschussen. Südekum hat dagegen eine ganz andere Idee: Soll der Staat doch die 5G-Frequenzen gar nicht erst ausschreiben, sondern das Mobilfunknetz selbst aufbauen, nur mit den europäischen Lieferanten. Telekom, Vodafone und Co könnten dieses Netz dann nutzen.

          Über diesen Vorschlag kann man lange streiten – aber wenn Südekum ihn macht, ist eines zumindest klar: Die Diskussion wird stattfinden.

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