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Spektakulärer Führungswechsel : Jeff Bezos tritt zurück

Der Amazon-Gründer Jeff Bezos im September 2019 Bild: EPA

Der Gründer von Amazon gibt den Vorstandsvorsitz an seinen Kronprinzen Andy Jassy ab. In Rente will Bezos aber trotz seines Rückzugs nicht gehen.

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          Es ist ein spektakulärer Führungswechsel: Jeff Bezos, einer der prominentesten amerikanischen Vorstandschefs und einer der reichsten Menschen der Welt, wird seinen Posten an der Spitze von Amazon.com abgeben. Das teilte der Online-Händler am Dienstag bei der Vorlage seiner Quartalszahlen überraschend mit. An seine Stelle wird Andy Jassy rücken, der derzeit das wachstumsstarke Geschäft des Konzerns mit Cloud Computing in der Sparte Amazon Web Services führt und schon seit einiger Zeit als potentieller Nachfolger für Bezos gehandelt wird. Der Führungswechsel soll im dritten Quartal dieses Jahres vollzogen werden.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Der 57 Jahre alte Bezos will sich nicht bei Amazon zurückziehen und auch künftig Geschäftsführender Vorsitzender des Verwaltungsrats bleiben, also das Aufsichtsgremium führen. In einer Nachricht an die Amazon-Belegschaft sagte er: „Ich hatte noch nie mehr Energie. Es geht hier nicht darum, in Rente zu gehen.“ Bezos sagte, er wolle in „wichtige Amazon-Initiativen“ eingebunden bleiben. Sein Rücktritt als Vorstandsvorsitzender werde ihm aber ermöglichen, mehr Zeit und Energie auf diverse andere Projekte zu verwenden. Er nannte das Raumfahrtunternehmen Blue Origin, das er schon im Jahr 2000 neben Amazon gegründet hat, die Zeitung „Washington Post“, die er 2013 gekauft hat, seine zwei wohltätigen Initiativen sowie „andere Leidenschaften“. Bezos sagte, Vorstandschef von Amazon zu sein, sei eine große Verantwortung und lasse wenig Raum für Anderes. „So sehr ich noch immer stepptanzend ins Büro komme, freue ich mich über diesen Wechsel.“

          Zu den von Bezos angesprochenen karitativen Projekten gehört der „Earth Fund“, dessen Gründung er vor knapp einem Jahr angekündigt hat und mit dem er gegen den Klimawandel kämpfen will. Er hat versprochen, diesen Fonds mit zehn Milliarden Dollar auszustatten. Vor einigen Jahren hat er außerdem mit seiner damaligen Frau MacKenzie Scott den „Day One Fund“ ins Leben gerufen, der unter anderem obdachlosen Familien helfen will. In seiner Mitteilung schrieb er weiter, er sei „super-leidenschaftlich“, was diese Projekte jenseits von Amazon betrifft. MacKenzie Scott hat sich seit ihrer Scheidung von Bezos im Jahr 2019 auch unabhängig von ihm als Wohltäterin profiliert und Milliardenbeträge für diverse karitative Zwecke gespendet.

          Rücktritt in glänzenden Zeiten für Amazon

          Jeff Bezos hat Amazon im Jahr 1994 gegründet und ist ein Pionier im Online-Handel. Er hat es als sein Aha-Erlebnis beschrieben, wie ihm eine Statistik mit gigantischen Zuwachsraten in der Internetnutzung in die Hände kam, woraufhin er sich überlegte, wie er davon am besten profitieren könnte. Er warf seinen Job als Computerspezialist bei einem New Yorker Hedgefonds hin, fuhr mit dem Auto nach Seattle und begann, von einer Garage aus Bücher online zu verkaufen. Er beschränkte sich nicht lange auf Bücher und machte aus Amazon im Laufe der Jahre einen Universalladen, der kaum Wünsche offenlässt. Jenseits des Online-Handels hat Amazon auch eine breite Palette anderer Aktivitäten aufgebaut. Der Konzern verkauft eigene elektronische Geräte, betreibt eine Videoplattform, die mit Netflix konkurriert, und wagt sich auch immer mehr in den stationären Handel vor. Dank Amazon wurde Bezos zwischenzeitlich zum reichsten Menschen der Welt. Nach Angaben im „Bloomberg Billionaires Index“ liegt er derzeit mit einem Vermögen von 188 Milliarden Dollar leicht hinter Elon Musk, dem Vorstandschef des Elektroautohersteller Tesla, der auf 190 Milliarden Dollar kommt.

          Der Rücktritt von Bezos kommt in einer Zeit, in der es Amazon glänzend geht. Der Online-Händler gilt als einer der größten Gewinner in der Corona-Krise. Er meldete jetzt für das Schlussquartal 2020 einen Umsatzsprung um 44 Prozent auf 125,6 Milliarden Dollar. Es war das erste Mal, dass Amazon in einem einzigen Quartal mehr als 100 Milliarden Dollar Umsatz erzielt hat. Im Gesamtjahr stieg der Umsatz um 38 Prozent auf 386,1 Milliarden Dollar. Der Konzern hat allein im vergangenen Jahr seine Belegschaft um 500.000 auf fast 1,3 Millionen Mitarbeiter ausgeweitet.

          Der neue Vorstandschef Andy Jassy ist schon seit 1997 bei Amazon. Der 52 Jahre alte Manager hat maßgeblich die Cloud-Sparte AWS aufgebaut, die für den Konzern immer wichtiger wird und außerdem zu seinen profitabelsten Aktivitäten gehört. Im vergangenen Jahr brachte dieses Geschäft einen Umsatz von 45 Milliarden Dollar ein, und es steuerte mehr als die Hälfte zum Betriebsgewinn bei. Bezos schrieb in seiner Mitteilung: „Andy ist fast so lange bei Amazon wie ich. Er wird eine herausragende Führungsperson sein, und er hat mein volles Vertrauen.“

          An der Börse sorgte der Führungswechsel für keine große Erschütterung. Der Aktienkurs von Amazon legte im nachbörslichen Handel leicht, was auch mit den besser als erwarteten Zahlen zu tun haben dürfte. In den vergangenen zwölf Monaten ist der Kurs um fast 70 Prozent gestiegen, der Konzern wird an der Börse derzeit mit 1,7 Billionen Dollar bewertet.

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