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Stellenabbau trotz Pandemie : Jeder vierte Klinikarzt will hinwerfen

Rund um die Uhr im Einsatz: Klinikärzte arbeiten im Schnitt 50 Stunden pro Woche. Bild: Picture Alliance

Zu viele Überstunden und Schreibarbeit, zu wenig Digitalisierung: Die angestellten Mediziner sind frustriert, zeigt eine neue Umfrage.

          3 Min.

          Die Corona-Pandemie hat die Bedeutung eines funktionierenden Gesundheitswesens samt engagierter Mitarbeiter deutlich gemacht und ihre Arbeitsbedingungen in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit gerückt. Gleichwohl hat sich an der Unzufriedenheit des medizinischen Personals nichts geändert, wie eine neue Befragung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) zeigt. Im Gegenteil: Ein Viertel der angestellten Ärzte denkt inzwischen daran, den Beruf an den Nagel zu hängen. Bei der letzten Erhebung vor drei Jahren war es etwas mehr als ein Fünftel gewesen. Die meisten der diesmal fast 8500 Teilnehmer sind in Krankenhäusern tätig. Sechs Prozent arbeiten in ambulanten Einrichtungen und beurteilen ihre Lage in der Regel etwas besser.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Unmut erzeugen vor allem die Arbeitszeiten mit vielen Überstunden und Bereitschaftsdiensten. Die tatsächliche Arbeitszeit – nicht jene auf dem Papier – beträgt den Ärzteangaben zufolge durchschnittlich 50 Wochenstunden; ein Fünftel arbeitet 60 Stunden und mehr. Dabei wünschen sich neun von zehn Befragten maximal 48 Stunden. Der Tarifvertrag in kommunalen Kliniken sieht regulär 40 vor. Um weniger zu arbeiten, wechselten immer mehr Mediziner in Teilzeit, schreibt die Gewerkschaft. Inzwischen seien das 31 Prozent gegenüber 26 Prozent 2019. Doch selbst für diese Gruppe gelte: „Durch Teilzeit stellen Beschäftigte oft nur sicher, dass sie wenigstens einen Tag in der Woche regelmäßig frei haben.“

          Drei Stunden Bürokratie am Tag

          Jeder angestellte Arzt leistet im Schnitt sechs Überstunden in der Woche, bei fast jedem Fünften sind es zehn bis neunzehn Stunden. Die Hälfte bekommt Freizeitausgleich, ein Viertel Vergütung, ein weiteres Viertel geht aber leer aus, so der Marburger Bund: „Die Krankenhäuser profitieren also zu einem nicht geringen Teil jeden Tag von unentgeltlicher Arbeit Zigtausender Ärztinnen und Ärzte.“ Als positiv wird vermerkt, dass die elektronische Arbeitszeiterfassung im Vergleich zu 2019 gestiegen sei; trotzdem umfasst sie weniger als die Hälfte der Fälle. In kommunalen Häusern ist die Lage deutlich besser, was die Gewerkschaft auf ihre tarifvertraglichen Bemühungen zurückführt.

          Die Umfrage bildet auch den Personalmangel ab. Ausgerechnet in den zwei Jahren der Pandemie habe ein Drittel der Befragten einen Stellenabbau beobachtet. In privaten Kliniken äußerte sich mehr als die Hälfte in dieser Richtung. Zwei Drittel bezeichneten die Besetzung im ärztlichen Dienst als schlecht oder „eher schlecht“. Unter privater Trägerschaft sah es mit mehr als zwei Dritteln wiederum besonders misslich aus.

          Viel Raum in der Umfrage nehmen die Dokumentarisierung und die Digitalisierung ein. Im Schnitt benötigt jeder Arzt drei Stunden am Tag für Verwaltungstätigkeiten, etwa die Datenerfassung. Dabei könnten Teile dieser Arbeiten auch von Stationssekretariaten oder Schreibdiensten erledigt werden, so der MB. Dort, wo es diese Unterstützung gebe, hätten die Ärzte „mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben in der Patientenversorgung“. Hilfreich wäre eine bessere Ausstattung mit Informationstechnik (IT), doch lasse diese in einem Großteil der Häuser zu wünschen übrig.

          „Ich bin eigentlich Ärztin aus Leidenschaft“

          Der so genannte „MB-Monitor 2022“, den das Institut für Qualitätsmessung und Evaluation für die Gewerkschaft erstellt hat, hat deren Mitglieder erstmals zur Zufriedenheit mit der IT-Ausstattung am Arbeitsplatz befragt. Zwei Drittel zeigten sich unzufrieden oder „eher unzufrieden“. In den ambulanten Einrichtungen sind allerdings mehr als die Hälfte der Ärzte zufrieden. Eine Mehrheit aller Befragten schätzt den Digitalisierungsgrad als gering oder „eher gering“ an. Kommt es zur Anschaffung neuer Programme, würden die ärztlichen Anforderungen in der Regel ignoriert. Besonders effizient scheinen die Anwendungen nicht zu laufen, denn in 80 Prozent der Fälle müssen identische Daten häufig oder gelegentlich mehrfach eingegeben werden.

          Fast drei Viertel der Befragten erhalten keine IT-Schulungen. Zumindest aber sind zwei Drittel mit der Datensicherheit zufrieden, etwa mit dem Schutz vor Cyberangriffen. Eine große Mehrheit der Evaluationsteilnehmer hält Klimaschutz am Arbeitsplatz für wichtig. Konkrete Schritte dafür tauchen aber nur in Einzelbeispielen auf, etwa dass in der Anästhesie Narkosegase ersetzt werden, welche die Ozonschicht schädigen. Das Sparpotential sei immens, da es auf den Stationen viel unnötiges Einmalmaterial gebe und weil viele energieintensive Geräte ununterbrochen liefen, etwa in der Radiologie.

          Die im Mai und Juni befragten Mediziner, von denen die Hälfte bis zu 40 Jahre alt waren, machten großen Gebrauch von Freitextangaben aus der täglichen Praxis. So heißt es in einem Fall: „Ich bin eigentlich Ärztin aus Leidenschaft, aber unter diesen Bedingungen kann und will ich nicht mehr ärztlich arbeiten.“ Die Arbeit werde nicht geschätzt, der übermäßige Druck habe sie und andere Kollegen krank gemacht: „Und was bekommt man ständig zu hören? ,Man ist Arzt und muss das aushalten.‘ Nein, muss man nicht!“

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