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50 Jahre Shinkansen : Japans rasendes Technikwunder

Mit bis zu 270 Kilometern pro Stunde unterwegs: Der Shinkansen, hier auf der Strecke zwischen Tokio und Hakata Bild: Picture-Alliance

Der japanische Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen feiert seinen 50. Geburtstag. Der Zug ist schneller und pünktlicher als der ICE - was ganz einfache Gründe hat.

          Für viele gilt er als Symbol des japanischen Wirtschaftswunders: der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen. Mit viel Prominenz und einer Zeremonie am gerade restaurierten Hauptbahnhof in Tokio hat Japan am Mittwoch gefeiert, dass vor 50 Jahren der erste dieser Hochgeschwindigkeitszüge in Betrieb genommen worden ist. Am 1. Oktober 1964 wurde die Strecke zwischen Tokio und der südwestlichen Metropole Osaka eröffnet.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Shinkansen bedeutet ins Deutsche übersetzt so viel wie „neue Hauptstrecke“. Schon der Name weist auf einen Grund hin, warum der Shinkansen schneller und pünktlicher ist als sein deutscher Konkurrent, der ICE, und andere Schnellzüge. Shinkansen fahren auf einem eigenen Gleisnetz, eingezäunt und getrennt vom anderen Bahnverkehr. Sie rasen deswegen mit Geschwindigkeiten durch Städte wie in keinem anderen Land der Welt. So wie der Shinkansen sich in der Erinnerung der Japaner mit den Olympischen Sommerspielen 1964 verbindet – die Spiele begannen neun Tage nach der Jungfernfahrt -, so hoffen viele, dass auch die Olympiade 2020 dem ostasiatischen Land neuen Schwung geben wird.

          Der Shinkansen wurde in den vergangenen 50 Jahren zu einer japanischen Ikone. Bilderstrecke

          Shinkansen und Olympia gehören im japanischen Bewusstsein dicht zueinander. Sie sind Symbole für das Ende der Nachkriegszeit und für den wirtschaftlichen Aufstieg des ostasiatischen Landes, der erste mit dem Platzen der Blasenwirtschaft Anfang der 90er Jahre endete. Der Zug sei „repräsentativ für die japanische Technik“, schwärmte der Präsident der Eisenbahngesellschaft Japan Rail Tokai, Koei Tsuge, auf der Feierstunde am Hauptbahnhof in Tokio. Mit bis zu 270 Kilometern pro Stunde legt der Shinkansen heute die 515 Kilometer zwischen Tokio und Osaka zurück, im nächsten Frühjahr sollen es 285 Kilometer pro Stunde sein. 5,6 Milliarden Passagiere sind in den vergangenen 50 Jahren von den japanischen Hochgeschwindigkeitszügen zwischen den beiden Städten transportiert worden. Im ersten Jahr gab es auf der Linie 60.000 Reisende am Tag, heute sind es im Schnitt 424.000. Die Züge fahren in einem Takt, der den der Nahverkehrszüge oft übertrifft.

          Heute umfasst das Streckennetz aller Shinkansen in Japan nach Angaben der Außenhandelsorganisation Jetro 2663 Kilometer. Mehr als 10 Milliarden Menschen wurden darauf bislang befördert. Mit dem Shinkansen waren die Japaner ihren Wettbewerbern 1964 weit voraus. Und noch heute ist der Zug nicht zu schlagen, wenn es um Geschwindigkeit und Pünktlichkeit geht. Wer jemals die Verspätungsanzeigen der ICE in Deutschland erlebt hat, wird sich in Japan verwundert die Augen reiben. 2011 betrug die durchschnittliche Verspätung eines einzelnen Shinkansen gerade mal 36 Sekunden, berichteten japanische Medien voller stolz zum Jubiläumstag.

          Zu verdanken haben die Japaner das nicht nur der Technik und dem Umstand, dass das Hochgeschwindigkeitsnetz getrennt und fast flächendeckend eingezäunt ist. Die Fahrtzeiten werden in Einheiten von 15 Sekunden geplant. Der Zugführer ist deswegen gezwungen, die Entfernung zur nächsten Station immer im Blick zu haben. Sobald sich eine Verspätung von mehr als einer Minute abzeichnet, wird die Einsatzzentrale alarmiert. Das Ergebnis: Anzeigen wie bei der Deutschen Bahn, „heute 30 Minuten später“, kennen Japaner beim Shinkansen nicht. Dafür haben Passagiere weniger Platz. Ablageplätze für größeres Gepäck sind rar. Man sitzt enger als anderswo.

          Beeindruckend ist dagegen die Sauberkeit der Züge – auch da können Wettbewerber viel von der Japan Rail lernen. In Reih und Glied warten Putzkräfte – in Tokio tragen sie rosa Uniformen –, wenn der Shinkansen einfährt. Bei der Einfahrt des Zuges verbeugen sie sich tief. In Spitzengeschwindigkeit sammeln sie dann den Müll ein, drehen die Sitzreihen neu in Fahrtrichtung und machen sauber. Wie in der Wirtschaftszeitung „Nikkei“ zum Jubiläum zu lesen war, gibt es sogar einen kleinen „Zauberbesen“. Der zeigt mit einem Tonsignal an, wo Sitze feucht sind. Die werden dann umgehend ausgetauscht.

          JR Tokai bekräftigte zum 50. Jahrestag, dass, dass es den Erfolg des Shinkansen mit seiner neuen Magnetschwebebahn Maglev wiederholen will. Auf einer Teststrecke fuhr die neue Bahn bereits rund 500 Kilometer pro Stunde. Die neue Technik ist damit weit schneller als der derzeit modernste Shinkansen „Hayabusa“ mit einer Höchstgeschwindigkeit von 320 Kilometern in der Stunde. Vor den Olympischen Sommerspielen 2020 wird die Magnetschwebebahn zwischen Tokio und Osaka aber nicht fahren. Zuerst soll die Strecke von der Hauptstadt nach Nagoya gebaut werden, 2027 soll der erste Zug starten. Bis Osaka und Tokio verbunden werden, wird es dauern. Vom Jahr 2045 ist derzeit die Rede.

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