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Japan und China : Brodeln im Pazifik

Der amerikanische Vizepräsident Joe Biden zu Besuch bei Premierminister Shinzo Abe. Japan investiert immer noch am meisten in den Vereinigten Staaten, an zweiter Stelle steht bereits China Bild: dpa

Selbst die wachsende wirtschaftliche Integration kann die Zuspitzung von Territorialkonflikten in Asien nicht verhindern. Manches erinnert an die Lage vor dem Ersten Weltkrieg in Europa. Bisher leidet der Handel noch kaum darunter.

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          1914 war ein schlimmes Jahr. Hoffentlich wird nicht 2014 auch ein schlimmes Jahr. Vor hundert Jahren begann der Erste Weltkrieg als Folge einer komplizierten Gemengelage aus bewussten und unbewussten Fehlentscheidungen. Der britische Premierminister David Lloyd George sagte anschließend, Europa sei in den Krieg „hineingeschlittert“. Dem widersprachen spätere Historiker mit guten Quellenbelegen dafür, dass die Deutschen die Hauptverantwortung für den Waffengang getragen hätten.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin
          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die Motivation freilich blieb umstritten. Erst hieß es nach einer Interpretation, das Kaiserreich wollte gewaltsam seine frisch gewonnene Weltstellung festigen – heute würde man sagen: als Supermacht. Anschließend kam in der Geschichtswissenschaft die These auf, die alten Eliten, besonders das Militär, hätten den Krieg vom Zaun gebrochen, um ihrem Bedeutungsverlust in der neuen bürgerlich-zivilen Ordnung entgegenzutreten. Dies sei selbst um den Preis geschehen, sich selbst und alle anderen in den Untergang zu stürzen.

          Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie hält Analogien bereit. Oder, wie Mark Twain einmal schrieb: Geschichte reimt sich. Immer eindringlicher warnen derzeit Fachleute vor einem Krieg im Fernen Osten, wobei sich mancher Beobachter angesichts der vorgeblich ungewollten Eskalation an den Sommer des Jahres 1914 erinnert fühlt. Vordergründig geht es um einen Territorialstreit im Ostchinesischen Meer, wo Peking und Tokio eine unbewohnte Inselgruppe namens Senkaku oder Diaoyu beanspruchen, die als reich an Fischen und Rohstoffen gilt. Der japanische Staat hat einige der Eilande privaten Eigentümern abgekauft, also nationalisiert und somit nach chinesischer Lesart den Comment gebrochen, die staatliche Zugehörigkeit bis zur endgültigen Klärung in der Schwebe zu halten. Deshalb mobilisierte Peking zunächst die Straße mit Massenprotesten und Boykotten gegen Japan, später aber auch die Diplomatie und sogar das Militär: Vor zwei Wochen schlug China die Inseln einer neu geschaffenen Luftsicherheitszone mit Meldepflicht zu und drohte damit, deren Einhaltung notfalls mit Waffengewalt durchzusetzen.

          Wie das Deutsche Reich zu schnell zu mächtig geworden

          Japaner und Amerikaner flogen dennoch durch den Luftraum, ohne sich anzumelden, sogar mit Militärflugzeugen. Auch Südkorea protestierte gegen den chinesischen Vorstoß. Zugleich verschärfte sich die Lage anderswo im Pazifik, und zwar im Südchinesischen Meer. Der einzige Flugzeugträger der Chinesen stieß in diese Gewässer vor, wo das Land mit Vietnam, den Philippinen und anderen ebenfalls wegen einiger Inseln, Riffe und Felsen über Kreuz liegt.

          Der Vergleich zum Vorabend des Ersten Weltkriegs ist historisch kaum haltbar, und doch reizen die Parallelen. China und Japan haben alte Rechnungen offen, so wie seinerzeit Deutschland und Frankreich nach dem Krieg von 1870/71. Auch die Bündnisverflechtungen von damals sind da: Die Vereinigten Staaten von Amerika als Großmacht etwa ist mit Japan, Korea und Taiwan alliiert - und damit gewissermaßen gegen China und gegen Nordkorea.

          Bemerkenswert ist überdies, dass die Volksrepublik China in ähnlicher Weise wie das wilhelminische Deutschland aus Sicht vieler Beobachter zu schnell zu mächtig geworden ist. In einer nicht einmal 40 Jahre dauernden „Gründerzeit“ hat dank eines beeindruckenden wirtschaftlichen Aufschwungs ihr Gewicht derart zugenommen, dass sie ihren Platz in der Welt nicht finden kann, ohne anderen auf die Füße zu treten. Sie wittert überall Neid und Missgunst und fühlt sich bedroht, ja eingekreist von Japan und den Vereinigten Staaten. Ähnlich schnell verlief im 19. Jahrhundert Deutschlands von andern beargwöhnter Aufstieg zu Europas Wirtschaftshegemon noch vor dem lange dominierenden Großbritannien, bis im Jahre 1914 dann die Waffen sprachen.

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