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Fukushima : Gericht spricht frühere Atommanager frei

Der frühere Vize-Chef von Tepco, Ichiro Takekuro, erscheint zur Urteilsverkündung. Bild: AFP

Es ist das prominenteste Verfahren im Gefolge des Atomunfalls. Das Bezirksgericht Tokio sprach am Donnerstag drei ehemalige Spitzenmanager des Energieversorgers Tepco vom Vorwurf frei, ihre professionellen Pflichten vernachlässigt zu haben.

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          Im einzigen Strafverfahren rund um den schweren Unfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi 2011 hat das Bezirksgericht in Tokio am Donnerstag die drei Angeklagten freigesprochen. Achteinhalb Jahre nach der dreifachen Kernschmelze in dem Kraftwerk sah das Gericht keine hinreichenden Belege, dass die angeklagten Manager Informationen über Risiken vernachlässigt hätten.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Angeklagt waren der 79 Jahre alte Tsunehisa Katsumata, der frühere Vorsitzende des Verwaltungsrats des regionalen Energieversorgers Tokyo Electric Power Company Holding (Tepco) und zwei frühere Vizepräsidenten, der 73 Jahre alte Ichiro Takekuro und der 69 Jahre alte Sakae Muto. Sie hatten sich vor Gericht für den Unfall entschuldigt, aber auf unschuldig plädiert und erklärt, dass der Tsunami im März 2011 nicht vorhersehbar gewesen sei.

          Unfall führte mittelbar zu Todesopfern

          Katsumata hatte auch darauf verwiesen, dass er als Vorsitzender nur eine beratende Rolle gespielt und keine operative Verantwortung getragen hätte. Die Anklage versuchte demgegenüber nachzuweisen, dass die Manager auch von Tepco-Mitarbeitern über das Risiko einer großen Flutwelle und die Notwendigkeit des Baus weiterer Schutzvorrichtungen informiert gewesen seien. Sie hätten ihre professionellen Pflichten vernachlässigt, auch mit Todesfolgen.

          Der Unfall führte zwar nicht direkt zu Todesopfern, doch starben rund 40 Bewohner eines Krankenhauses in der Nähe des Kraftwerks, die nach dem Unfall evakuiert werden mussten. Die Anklage hatte für die drei Manager je fünf Jahre Haft gefordert.

          Das Unverständnis über den Freispruch unter einer Klägergruppe wurde am Donnerstag deutlich. Im Gerichtssaal riefen nach Berichten japanischer Medien Zuschauer „Lüge“, nachdem der Richter das Kernurteil verlesen hatte. Vor dem Bezirksgericht fragten Anhänger der Klägergruppe, wie es zu dem Freispruch kommen könne.

          Gegen Tepco und die Regierung laufen eine Vielzahl von Zivilklagen. Mindestens neun Bezirksgerichte haben bislang entschieden, dass der Betreiber oder die Regierung Schuld an dem Atomunfall gehabt hätten.

          Das Strafverfahren vor dem Bezirksgericht in Tokio war nur unter Mühen in Gang gekommen, nachdem die Staatsanwaltschaft es zwei Mal abgelehnt hatte, mangels hinreichender Belege ein Verfahren gegen die ehemaligen Tepco-Manager zu eröffnen. Erst ein seltener Beschluss eines mit Bürgern besetzten Justizpanels hatte dann im Sommer 2017 zu dem Verfahren geführt, in dem vom Staat bestellte Rechtsanwälte als Ankläger fungierten.

          Risiken nach dem Erdbeben

          In dem Verfahren ging es im Kern darum, ob die drei Manager über das Risiko einer großen Flutwelle informiert gewesen seien und ihre Pflicht vernachlässigt hätten, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die Anklage führte einen Zeugen auf, der berichtete, dass die Manager 2008 über eine interne Studie informiert worden sein, wonach im Falle eines Erdbebens der Stärke 8 eine Flutwelle von bis zu 15,7 Metern das Kraftwerk habe treffen können. Die Studie gründete auf einer Schätzung der Regierung von 2002 über die Erdbebenwahrscheinlichkeit in der Region. Tepco unterließ es aber, die bestehende Schutzmauer von 10 Meter Höhe aufzustocken und ließ die Studie von externen Fachleuten prüfen.

          Eine Rolle spielte dabei womöglich, dass die wirtschaftliche Lage des Unternehmens Tepco sich verschlechtert hatte, nachdem im Jahr 2007 ein großes Erdbeben das Atomkraftwerk Kashiwazaki-Kariha in der Präfektur Niigata außer Betrieb gesetzt hatte. Nur manche der dortigen sieben Reaktoren waren seither wieder zeitweise am Netz und wurden seit dem Unfall in Fukushima Daiichi bis heute abgeschaltet.

          Am 11. März 2011 traf nach einem Erdbeben der Stärke 9 eine Flutwelle von berichtet mehr als 14 Meter das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. In der Folge fielen die Notstromaggregate aus. Damit konnten die Reaktorkerne nicht mehr hinreichend gekühlt werden. Es kam zu Wasserstoffexplosionen und zu einer Kernschmelze in drei Reaktoren. Mehr als 160.000 Bewohner umliegender Städte mussten vor der radioaktiven Strahlung fliehen. Tausende können auch heute noch nicht in ihre Heimat zurück und manche Gebiete rund um das Kraftwerk werden womöglich auf Dauer unbewohnbar bleiben.

          Die Arbeiten zum Abriss des Kraftwerks gehen nur mühsam voran und werden sich über Jahrzehnte hinziehen. Noch ist unklar, wie der Betreiber Tepco den geschmolzenen Brennstoff bergen und entlagern will. Die Regierung hatte die Kosten für den Abbau und die Entsorgung des Kraftwerks sowie die Entschädigungen für die Bürger vor einigen Jahren auf umgerechnet rund 200 Milliarden Dollar geschätzt.

          Erst vor wenigen Tagen hatte die Nuklearsicherheitsbehörde in Japan angekündigt, dass sie die Ermittlungen zum Unglückshergang wieder aufnehmen werde. Grund dafür ist, dass manche Bereiche des Kraftwerks, die bislang wegen zu hoher Strahlung nicht betreten werden konnten, mittlerweile zugänglich sind.

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