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Ringen um Halbleiter : Japan baut nationale Chip-Allianz auf

Alte Computerchips des japanischen Herstellers Toshiba. Bild: REUTERS

Acht Spitzenunternehmen gründen mit der Hilfe des Staates einen neuen Halbleiterproduzenten. Der Kampf um die globale Vormachtstellung verschärft sich.

          3 Min.

          In Japan organisiert sich eine nationale Allianz von führenden Technologieunternehmen mit der Regierung, um Mikrochips der neuesten Generation zu entwickeln und zu produzieren. An dem Gemeinschaftsunternehmen beteiligen sich acht Spitzenadressen der japanischen Wirtschaft, von Toyota Motor über Sony und NEC bis zu Kioxia, NTT und Softbank. Das Wirtschaftsministerium kündigte am Freitag an, dass es das neue Unternehmen mit bis zu 70 Milliarden Yen (480 Millionen Euro) unterstützen werde. Halbleiter seien kritische Komponenten für die Entwicklung von Technologien wie der Künstlichen Intelligenz, für die digitale Industrie und im Gesundheitswesen, sagte Wirtschaftsminister Yasutoshi Nishimura vor Journalisten.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Initiative kommt zu einer Zeit, in der westliche Demokratien wie die Vereinigten Staaten, Deutschland und die Europäische Union sich mit Finanzhilfen in Milliardenhöhe bemühen, durch Halbleiterfertigung im eigenen Land unabhängiger von Asien zu werden. Die hohe Konzentration der Produktion der leistungsfähigsten Chips in Taiwan und Südkorea verschärft die geopolitischen Risiken um China und Nordkorea. Zugleich versucht Amerika mit Exportregulierungen, die auch ausländische Unternehmen binden, die Entwicklung modernster Halbleiter in China zu verlangsamen.

          Schon im Frühjahr hatten Tokio und die amerikanische Regierung vereinbart, Halbleiter der neuesten Generation gemeinsam zu entwickeln und ihre Lieferketten für Mikrochips zu sichern. Ein gemeinsames Forschungszentrum, für das Japan 350 Milliarden Yen (2,4 Milliarden Euro) bereitstellen will, soll bis zum Jahresende stehen. Das Unternehmen der japanischen Wirtschaft wird diese internationale Kooperation vertiefen. Das Unternehmen soll den Namen „Rapidus“ tragen, was die Dringlichkeit der Aufgabe aus japanischer Sicht unterstreicht.

          Japan zieht mit Taiwan und Südkorea gleichauf

          Das Gemeinschaftsunternehmen soll bis etwa 2027 Halbleiter in der Zwei-Nanometer-Technik entwickeln und produzieren. Die Zahl beschreibt die Breite der Schaltkreislinien. Je kleiner, desto energiesparender und leistungsfähiger sind die Chips. Japan würde nach dem Plan mit den technisch führenden Herstellern, Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) und Südkoreas Samsung Electronics, gleichziehen. Samsung begann im Sommer mit der Massenproduktion von Halbleitern in der Drei-Nanometer-Technik. TSMC steht kurz davor. Für 2025 streben beide die Produktion von Zwei-Nanometer-Chips an.

          Rapidus ist für Japan nicht die einzige Initiative, um in der Produktion von Halbleitern wieder Boden zu gewinnen. Die Regierung hat schon Subventionen von umgerechnet bis zu 3,3 Milliarden Euro für eine Halbleiterfabrik von TSMC und Sony genehmigt. Die Speicherchiphersteller Kioxia, ehemals Toshiba Memory, und das amerikanische Micron Technology erhalten für Fabriken in Japan umgerechnet 640 Millionen und 320 Millionen Euro. In einem Nachtragshaushalt stellt die Regierung 1,3 Billionen Yen (8,9 Milliarden Euro) für die Förderung der Halbleiter zur Verfügung. Zum Vergleich: Deutschland könnte die Ansiedlung einer Chipfabrik von Intel in Magdeburg mit bis 6 Milliarden Euro subventionieren. Bosch erhielt zuletzt für ein Werk in Dresden 200 Millionen Euro.

          Durchwachsene Bilanz der Chips-Subventionen

          Japan ist in der Produktion von Halbleitern ins Hintertreffen geraten. Um 1990 noch lieferte das Land global rund die Hälfte der Mikrochips. Zuletzt waren es etwa 10 Prozent. In Teilbereichen von Material oder Maschinen für die Halbleiterproduktion aber gehören japanische Unternehmen oft zur Weltspitze. Auch technisch hängt Japan in der Chipproduktion zurück. Japanische Hersteller von Chips produzieren oft mit etablierter Technik wie etwa 40-Nanometer-Halbleitern. Das ist für viele einfachere Anwendungen wie etwa in der Autobranche ausreichend. Neue wirtschaftliche Entwicklungen, wie die künstliche Intelligenz oder selbst fahrende Autos erfordern aber mehr Rechenkapazität und modernere Hochleistungschips. Die subventionierte Halbleiterfabrik von TSMC und Sony auf der südlichen Hauptinsel Kyushu soll Chips von 12 bis 28 Nanometer fertigen. Mit der neuen Initiative strebt die Regierung den Sprung zur 2-Nanometertechnik und darüber hinaus an.

          Die Regierung hat mit der Subventionierung und industriepolitischen Lenkung der Halbleiterbranche gemischte Erfahrungen gemacht. Der Speicherchiphersteller Elpida, der 1999 unter anderem aus Abteilungen von Hitachi und NEC geformt wurde, ging 2012 in Konkurs. Dagegen hat der Chiphersteller Renesas, der analog mit Staatshilfe ins Leben gerufen wurde, sich recht erfolgreich stabilisiert. Renesas ist ein wichtiger Zulieferer für die Autowirtschaft.

          An der Rapidus-Initiative beteiligen sich der führende Autohersteller Toyota und sein wichtiger Zulieferer Denso. Sony Group und Kioxia gehören zu den führenden Herstellern von Bildsensoren beziehungsweise Speicherchips. NTT ist Japans größter Anbieter von Telefondienstleistungen und -netzwerken. Auch das Elektronikunternehmen NEC, der Technologieinvestor Softbank und die Bank Mitsubishi UFJ werden teilnehmen. Jedes Jahr Unternehmen bringt vorerst 1 Milliarde Yen (6,9 Millionen Euro) Startkapital für Rapidus auf. Die Großbank trägt 300 Millionen Yen bei.

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