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Carsten Germis (cag.)

Japan : Abes Zauber verblasst

  • -Aktualisiert am

Abe läutet in Tokio das Ende des Börsenjahres 2013 ein. Die Zahlen sind beeindruckend Bild: REUTERS

Anfangs war die Begeisterung für die Wirtschaftspolitik des neuen Ministerpräsidenten groß. Doch die angekündigtem Reformen blieben aus. Nicht einmal ihr Namensgeber setzt sich noch richtig für die „Abenomics“ ein.

          3 Min.

          Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse. Als Japans Liberaldemokraten vor einem guten Jahr mit Ministerpräsident Shinzo Abe nach kurzer Zeit der Opposition wieder an die Regierung kamen, stimmte so mancher Akteur auf den Finanzmärkten und in den Chefetagen der japanischen Wirtschaft in diese Zeilen ein. Abe zwang die japanische Notenbank, die Geldpresse anzuwerfen. Und er ließ trotz ausufernder Staatsverschuldung ganz in japanischer Tradition neue Konjunkturprogramme auflegen. Schließlich versprach er, den japanischen Markt für mehr Wettbewerb zu öffnen und überfällige Reformen der Wirtschaft zu wagen.

          Die Zahlen sind beeindruckend. Der Aktienindex der Börse von Tokio, der Nikkei 225, hat sich von den 8.000 bis 9.000 Punkten, bei denen er Ende 2012 lag, auf mehr als 15.000 Punkte gesteigert. Der Yen hat gegenüber Dollar und Euro rund 20 bis 30 Prozent an Wert verloren. Internationale Anleger, die Tokio lange gemieden hatten, geben sich in der japanischen Hauptstadt auf Anlegerseminaren nun wieder die Klinke in die Hand. Die Binnennachfrage profitiert von der Blüte am Aktienmarkt, die Exportindustrie jubelt wegen des schwachen Yen über Gewinne, die sie seit der Finanzkrise nicht mehr hatte. Japans Wirtschaft ist 2013 gewachsen wie keine andere entwickelte Volkswirtschaft. Für das erste Quartal 2014 erwarten Analysten abermals ein kräftiges Wachstum.

          Die Industriepolitik der sechziger und siebziger Jahre

          Und doch ist der Zauber Abes nach nur einem Jahr weitgehend verflogen. Kaum ein Regierungschef hat es geschafft, dass die Wirtschaftspolitik eines Landes nach ihm benannt wird. Anders Japan mit seiner „Abenomics“: Sie wird vom Internationalen Währungsfonds genauso gelobt wie vom amerikanischen Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman. Doch nach einem Jahr wird immer mehr Beobachtern klar, dass der Kaiser nackt ist. Bis auf die extrem aggressive Geldpolitik, zu der Japans Regierung die nur noch formal unabhängige Notenbank gezwungen hat, bietet die Abenomics wenig Neues. Geldpolitik aber kann anhaltendes Wirtschaftswachstum nicht schaffen, sie befördert allenfalls neue Blasen. Auch ersetzt sie notwendige Strukturreformen nicht.

          Selbst die positiven Zahlen, die Japans Regierung als Beleg für ihre Erfolge präsentiert, vertreiben den Zweifel nicht. Der Ökonom Zakeo Hoshi von der amerikanischen Stanford-Universität, ein Fachmann für japanische Wirtschaft, sieht die Wahrscheinlichkeit, dass Abe Japans Wirtschaft nachhaltig aus der Krise führt, bei mageren zwölf Prozent. Das Risiko des Scheiterns sieht er bei 88 Prozent. Spätestens in dem Moment, in dem die Finanzmärkte diese Einschätzung teilen, dürfte der vor allem durch ausländische Investoren getriebe Aufschwung in Tokio abrupt stoppen.

          Hoshis Begründung ist so einfach wie überzeugend. Geldpolitik ersetzt Strukturreformen nicht, und für weitere Konjunkturprogramme hat eine Volkswirtschaft bald kein Geld mehr, die schon mit dem Zweieinhalbfachen ihrer Wirtschaftsleistung verschuldet ist. In den Lobeshymnen vieler Keynesianer für die neue japanische Wirtschaftspolitik wird oft übersehen, dass Abe Reformen nicht angepackt hat. Stattdessen setzt er auf die Industriepolitik der sechziger und siebziger Jahre, die Japan wirtschaftlich zur Nummer eins in der Welt gemacht hat.

          Nationalistische Außenpolitik statt Reformen

          100 verschiedene Punkte haben die fleißigen Beamten in Japans Wirtschafts- und Finanzministerium als Wachstumsprogramm aufgelistet. Nichts davon ist neu. Es überwiegt ein Mischmasch aus alter Industriepolitik mit staatlichen Subventionen und Änderungen, die an der Oberfläche bleiben. Die einzige Ausnahme sind bislang die Sonderwirtschaftszonen, in denen wirklich dereguliert werden soll. Doch sie liegen in den wirtschaftlich starken Ballungsräumen Japans. Die Gefahr ist groß, dass sich die Wirtschaftskraft der strukturschwachen, überalterten Provinz noch stärker von der Tokios abkoppelt.

          Die japanischen Unternehmen sind liquide. Bankkredite werden kaum nachgefragt. Es gibt Überkapazitäten in der Industrie, die Gesellschaft altert schneller als jede andere – ohne dass das Land Zuwanderung erlaubt oder Frauen Karrierechancen eröffnet. Abe hat zwar vieles angekündigt. Doch das bleibt ein oberflächliches Bekenntnis zur Veränderung. Machtstrukturen bleiben in der Substanz unangetastet. Abe hat nur noch eine Chance, Japan am Ende doch zum Vorbild für die industrialisierte Welt zu machen: Er muss die Veränderungen wagen, die seit bald zwei Jahrzehnten verschleppt werden. Das Zeitfenster ist jedoch eng. Wagt Abe die Reformen nicht bis zum nächsten Sommer, hat er seine Chance wohl verspielt.

          Viele Reformer in der japanischen Regierung wissen das. Doch Abe hat den Schwung verloren, mit dem er am Anfang seiner Amtszeit selbst Kritiker verzaubert hat. Noch im Sommer hatte er angekündigt, bis zum Jahresende werde er Reformen durch das Parlament bringen. Stattdessen hebt er seine nationalistische Agenda in der Außenpolitik wieder auf den Schild, die ihm schon in seiner kurzen ersten Amtszeit 2007 ein Herzensanliegen war. Aber wie kann die Abenomics Erfolg haben, wenn nicht einmal mehr ihr Namensgeber richtig für sie kämpft?

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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