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Jürgen Trittin : Der Steuer-Mann

Im Mittelpunkt: Jürgen Trittin bei der ersten Runde der Sondierungsgespräche in der Parlamentarischen Gesellschaft. Bild: AFP

Jürgen Trittin hat kein Amt mehr bei den Grünen. Trotzdem verhandelt er mit Union und FDP die Finanzen. Wird er am Ende sogar Minister?

          Eine Woche vor der Bundestagswahl war es, die Grünen trafen sich im viel zu engen Schöneberger Gasometer zum Parteitag. Recht kurzfristig hatten sie ihn angesetzt, als Reaktion auf das gleichzeitige Treffen der FDP. Die Parteiführung wollte die Wähler mobilisieren, indem sie einen Kampf um den Platz drei im Parteiensystem inszenierte. Jürgen Trittin glaubte daran nicht, er stand hinten im Publikum, ätzte über die Flausen der beiden Spitzenkandidaten Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt. Um den dritten Rang gehe es doch längst nicht mehr, schimpfte er in dem vollen Bewusstsein, dass ein Journalist ihn sah und hörte. Sondern bloß noch um Platz sechs, sprich: die Bedeutungslosigkeit.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Formal betrachtet, traf Trittins Prognose ein. Tatsächlich sitzen die Grünen jetzt als kleinste der sechs Fraktionen im Bundestag. Aber sie sind nicht so weit abgeschlagen, wie es Trittin und andere Skeptiker erwarteten. Ihre 8,9 Prozent bleiben nur knapp hinter dem Resultat der Linkspartei und dem Triumph der FDP zurück. Vor allem: Die einstigen „Alternativen“ sind als Regierungspartei alternativlos geworden, seit sich die SPD in die Opposition verabschiedete.

          Der undurchsichtige Trittin

          Mit anderen Worten: Trittin hatte sich getäuscht. Ganz so unfähig, wie er mit der Arroganz des Hochbegabten dachte, waren seine Nachfolger nicht. Noch größer war allerdings der Irrtum der beiden Spitzenkandidaten vom Realo-Flügel. Sie glaubten, sie hätten über ihren linken Widersacher triumphiert, ihn in der Bedeutungslosigkeit versenkt. Göring-Eckardt war töricht genug, das schon vor der Wahl zu sagen. „Herr Trittin wird in möglichen Koalitionsverhandlungen keine Rolle spielen“, erläuterte sie vier Wochen vor der Wahl. Und leistete damit einen weiteren Beitrag dazu, dass es jetzt ganz anders kommt.

          Seit gut einer Woche laufen die Sondierungsgespräche zwischen den vier Parteien, dreimal haben sie sich bislang in großer Runde getroffen. Und jedes Mal, wenn die Unterhändler in der Parlamentarischen Gesellschaft beisammen sitzen, wandern unter den Kronleuchtern die bangen Blicke auf einen Mann, den einzigen unter den grünen Bundespolitikern, der in der Runde stets mit Krawatte auftritt: auf Jürgen Trittin. Der 63-jährige Niedersachse, der formal nichts weiter ist als ein gewöhnlicher Abgeordneter aus Göttingen und zuletzt ein einfaches Mitglied des Auswärtigen Ausschusses, steht im Mittelpunkt. Ob das Jamaika-Bündnis zustande kommt oder am Ende doch noch scheitert, so glauben viele, hängt am Ende vor allem an ihm, auch bei den heiklen Fragen Klima und Migration.

          Er ist der grüne Verhandlungsführer für die zentralen Themen der Haushalts- und Steuerpolitik, manche halten es nicht für ausgeschlossen, dass er noch mal Minister wird, womöglich sogar für Finanzen. Er gibt Interviews, kommentiert die Verhandlungsergebnisse in „Bild“ und Glotze, wie sein Weggefährte und Widersacher Gerhard Schröder formuliert hätte, er ärgert die Gesprächspartner. Er ist es, der den linken Flügel seiner Partei von einer Koalition mit FDP und Union überzeugen könnte, niemand sonst hätte die Autorität. Aber keiner weiß, was Trittin will. Deshalb schauen alle jetzt auf ihn.

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