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Jürgen Trittin : Der Steuer-Mann

In den Verhandlungsrunden selbst sage Trittin gar nicht viel, heißt es. Er schweige und erfreue sich an seiner Rolle. Lieber korrigiert er hinterher öffentlich. So schaffe er „in den eigenen Reihen eine Aura der totalen Verunsicherung“, berichtet ein Teilnehmer. Bisweilen komme es vor, dass die grünen Realos bei einem Thema schon einigungsbereit seien, dann eine Verhandlungspause für interne Beratungen erbäten – und aus der Rücksprache mit einer kompromisslosen Position wieder herauskämen. Dass Trittin den anderen grünen Unterhändlern an Intelligenz überlegen ist, auch an taktischer Finesse, das bestreitet kaum jemand. „Deshalb ist er ja so gefährlich“, sagt einer.

Trittin als Minister?

Es ist noch nicht einmal so, dass er den Vereinbarungen formal widerspricht. Einen ausgeglichenen Haushalt wollten die künftigen Koalitionspartner „anstreben“, den Solidaritätszuschlag „abbauen“: So steht es in dem Papier, das die Unterhändler der vier Parteien am Dienstag beschlossen. Davon, die schwarze Null wirklich durchzuhalten oder den Soli komplett abzuschaffen, ist tatsächlich nicht die Rede. Und dass Trittin auf sein Lieblingsprojekt einer Vermögensbesteuerung stillschweigend verzichtete, fiel bei all den Wortgefechten gar nicht mehr auf. Kubicki lobt denn auch: „Mit dem kann man arbeiten. Jürgen Trittin dokumentiert: Er hat keine Furcht.“

Wenn er will, kann Trittin durchaus ein Realpolitiker sein. Gemeinsam mit Schröder verhandelte er einst einen Atomausstieg, der die Stromkonzerne glimpflicher davonkommen ließ als Merkels Remake (dem er aus der Opposition seinen Segen erteilte). Er trug die Hartz-Reformen mit und ließ sich dafür beschimpfen, dass er das krude Dosenpfand-Gesetz des CDU-Vorgängers durchsetzte. Der Kanzlerin beschaffte er einen Konsens zur Finanzierung des Atomausstiegs und grüne Zustimmung für ihre Euro-Politik.

Weil er auf linkem Ticket segelt, werden ihm solche Kompromisse an der Basis eher verziehen als anderen. Deshalb waren manche auch so überrascht, dass er vor vier Jahren nicht die machtpolitische Volte vollzog und unter Merkel das Finanzministerium übernahm. Auch diesmal diskutieren einige bei den Grünen, ob die Partei nicht aus Gründen des innenpolitischen Einflusses das Haushaltsressort beanspruchen müsse, für das Trittin nach Lage der Dinge der einzige Kandidat wäre. Die FDP wird es kaum mitmachen. Auch das vom innerparteilich nicht unumstrittenen Cem Özdemir beanspruchte Außenamt würde der Mann freilich nicht ausschlagen, der sich während der vergangenen Jahre gern in der Aura des Weltpolitikers sonnte.

Auf Berliner Abendterminen lauschten ihm selbst Wirtschaftslobbyisten mit offenem Mund, wenn er im Duktus des Kenners über die großen Weltkrisen dozierte – allerdings auch deshalb, weil er auf diesem Feld die Unternehmen nicht ärgert. Aber ist das realistisch, Trittin als Minister? Niemand weiß es. Alle rätseln, ob Trittin die Verhandlungen torpedieren oder bloß für die Grünen das Maximum herausschlagen will. Seine Methode erinnert an den bisherigen Finanzminister Wolfgang Schäuble, der die Sphinxhaftigkeit bis zum Äußersten kultivierte: Die letzten Absichten im Unklaren zu lassen, das zählt nicht erst seit Machiavelli zur Aura der Macht. Trittin genießt es. Vielleicht ist das schon die Antwort auf die Frage, wonach er strebt. Wer weiß, was daraus noch wird.

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