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Jürgen Trittin : Der Steuer-Mann

Die Kontaktaufnahme der Kanzlerin

Vor vier Jahren ging er als Geschlagener vom Feld. Als Spitzenkandidat führte er die Grünen in den Wahlkampf, die Erwartungen waren hoch. Bei 23 Prozent stand die Partei nach dem japanischen Atomunfall in den bundesweiten Umfragen. Dann stellte er einen Katalog von Steuererhöhungen in den Mittelpunkt der Kampagne, mit der er offenkundig das Finanzressort erobern wollte, ein beträchtlicher Teil der grünen Mittelschichtsklientel fühlte sich bedroht. Vorwürfe, er habe sich in den frühen Achtzigern die Forderung nach straffreiem Sex mit Kindern zu eigen gemacht, kamen hinzu. Auf 8,4 Prozent brachte es die Partei am Ende, kaum weniger als jetzt, aber es fühlte sich wie eine Niederlage an.

Trittin wurde vom Fraktionsvorsitz verstoßen, als gescheiterter Spitzenkandidat gehörte er dem Verhandlungsteam noch an. Über die Nacht, in der die schwarz-grüne Sondierung scheiterte, kursieren unterschiedliche Versionen. Trittin und seine Leute sagen, die Union habe den Grünen damals viel weniger geben wollen, als sie kurz danach der SPD zugestand. Unionspolitiker und grüne Realos beteuern das Gegenteil. „Herr Trittin hat‘s verhindert“, sagt der damalige Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Einige in der Union glauben, sie hätten Trittin damals nicht rechtzeitig umworben, seine Rolle in der Partei unterschätzt. Das soll ihnen kein zweites Mal passieren. Als der neue Bundestag am Dienstag zusammentrat, begab sich Angela Merkel demonstrativ in die Reihen der Grünen, setzte sich neben Trittin, plauderte auf Augenhöhe von Machtmensch zu Machtmensch, die Kanzlerin mit dem einfachen Abgeordneten.

„Eine Aura der totalen Verunsicherung“

So war es zuvor schon in Hannover gewesen, auf dem Kongress der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, für die sonst die Grünen ein Lieblingsgegner sind. Die Kanzlerin und Trittin tuschelten in der ersten Reihe, in ihrer Rede gab Merkel die oberste Klimaschützerin und erwähnte den früheren Umweltminister vier Mal. Trittin genoss es. Öffentlichen Widerspruch von Merkels Parteifreunden muss er vorerst nicht fürchten. Wenn man mit sonst sehr auskunftsfreudigen CDU-Politikern über die Rolle des Niedersachsen sprechen will, rufen sie vorsichtshalber nicht zurück.

Auch die grünen Jamaika-Freunde gehen auf einmal ganz sorgsam mit dem Kollegen um, der sie zuletzt nur noch nervte. Robert Habeck, der in Schleswig-Holstein selbst mit CDU und FDP koaliert, setzte zu einer Rehabilitation des früheren Umweltministers an. Die Partei habe Trittin Unrecht getan, verkündete er auf dem kleinen Parteitag, auf dem die Grünen die Sondierungsgespräche beschlossen: Für ein Ergebnis, das sie 2017 bejubelten, hätten sie 2013 den Kandidaten in die Wüste geschickt. Politik sei ein „scheiß-undankbares Geschäft“.

Anders sieht es bei der FDP aus, mit der sich Trittin Dienstagnacht um die Finanzfragen stritt und anschließend auch öffentlich duellierte. Die Unterhändler hatten die Parlamentarische Gesellschaft noch gar nicht verlassen, da stichelte der Grüne schon gegen den gefundenen Formelkompromiss. „Trittin: Nicht klar, dass ,schwarze Null‘ finanzierbar ist“, meldete die Deutsche Presseagentur um 0.07 Uhr. FDP-Vize Wolfgang Kubicki hielt noch in der Nacht dagegen. Der Solidaritätszuschlag werde „in dieser Legislaturperiode komplett abgebaut“ verkündete er frohgemut. Am frühen Morgen antwortete wiederum Trittin im Fernsehen: „Ich bin sehr pessimistisch, was einen kompletten Abbau des Solis unter diesen Bedingungen angeht.“ Nach einer Aufstellung des Finanzministeriums beträgt der Spielraum für Mehrausgaben oder Mindereinnahmen nur 30 Milliarden Euro pro Jahr, die Wünsche summieren sich auf bis zu 100 Milliarden. Jetzt streiten sich die vier Parteien, wer zurückstecken muss.

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