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Stichwahl am Sonntag : Ein Extremist für Brasilien

Es sind neben den Evangelikalen ausgerechnet die Reichen und Gebildeten, die dem Diktaturenfreund Bolsonaro ihre Stimme geben wollen. Dabei wirkt der Mann bei öffentlichen Auftritten oft hölzern, ihm fehlt es an Eloquenz. „Der Frust über die Vergangenheit ist so groß, dass viele darüber hinwegsehen“, sagt Jan Woischnik, der das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rio de Janeiro leitet. Wobei die Stimmung im Land aggressiv ist wie nie. Mitunter zerbrechen Familien an der Frage, wer für Bolsonaro stimmen wird und wer nicht. Der Kandidat scheint Freude daran zu haben, Öl ins Feuer zu gießen: Er werde „Säuberungen“ vornehmen, wenn er an die Macht komme, sagte er vergangene Woche.

Er werde nur seinen Sieg akzeptieren, nichts anderes

Selbst das scheint eine Mehrheit nicht zu schrecken, was auch an einer cleveren Strategie liegt: In Brasilien endet heute der wohl erste Whatsapp-Wahlkampf der Geschichte. Bolsonaro und seine Unterstützer haben das Land auf geschickte Weise mit einem Netz von Whatsapp-Gruppen überzogen – allerdings zu Teilen widerrechtlich finanziert durch unerlaubte Unternehmensspenden, mit denen man sich die Kontaktdaten von Millionen Brasilianern kaufte. Ihre häufig aggressiv zugespitzten Botschaften verbreiten Bolsonaro und seine Leute nahezu ausschließlich über den Kurzmitteilungsdienst. Traditionelle Medien wie das Fernsehen spielen fast keine Rolle mehr.

Sogar die Börse feiert die Aussicht auf einen Erfolg Bolsonaros mit steigenden Aktienkursen. Dies hat vor allem damit zu tun, dass der 63-Jährige zwar fast alle Posten in seinem Kabinett ganz im Stile früherer Zeiten vor allem mit Militärs besetzen will, dabei aber eine gewichtige Ausnahme macht: Der Investmentbanker und Ökonom Paulo Guedes soll eine Art Superministerium für Wirtschaft und Finanzen leiten. Guedes hat in seinen öffentlichen Äußerungen all das gesagt, was die Anleger an den Finanzmärkten gerne hören. Er will Staatsunternehmen privatisieren und die Ausgaben des hochverschuldeten brasilianischen Staates kürzen, indem er sich an der schwersten Reform versucht, an der man sich in Brasilien versuchen kann – einer Reform des Pensionssystems. Viele Brasilianer können heute schon mit Mitte 50 in Rente gehen, die Kosten dafür sind enorm.

Guedes hat viele Ideen, die Brasiliens Wirtschaft tatsächlich voranbringen könnten. Doch niemand weiß, ob Bolsonaro ihn wirklich machen lässt. Seine Abstimmungshistorie im Kongress zeugt vom Gegenteil: In all den Jahren hat der Präsidentschaftskandidat stets gegen Privatisierungen votiert.

Viel mehr beunruhigen muss aber, dass Jair Messias Bolsonaro nicht gewillt scheint, sich noch aufhalten zu lassen. Wenn er nicht gewinne, seien die Wahlen manipuliert, hat er unlängst gesagt. Er werde nur seinen Sieg akzeptieren, nichts anderes. Das Traurige für Brasilien ist, dass es wahrscheinlich wirklich so kommen wird.

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