https://www.faz.net/-gqe-9fxg9

Stichwahl am Sonntag : Ein Extremist für Brasilien

Fans von Jair Bolsonaro auf einer Demonstration in Sao Paulo im September Bild: Reuters

Jair Bolsonaro, ein Anhänger der Militärdiktatur, wird wohl Brasiliens nächster Präsident. Die Börse liebt ihn, die Reichen und Gebildeten wählen ihn. Wie kann das sein?

          Es ist keine gute Idee, in Brasiliens Großstädten nach Einbruch der Dunkelheit allein vor die Türe zu gehen. Was jeder Tourist sich zu Herzen nehmen sollte, ist den Brasilianern seit Jahren in Fleisch und Blut übergegangen. Wer es sich leisten kann abends auszugehen, nimmt ein Taxi oder parkt sein Auto direkt vor dem Restaurant, in dem man verabredet ist. Es einfach ein paar Straßen weiter abzustellen, wie wir es in Deutschland machen würden, trauen sich viele nicht.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn auch wenn man sie nicht sieht, ist die Gefahr immer da. Brasilien, das größte und wichtigste Land Südamerikas, hält einen traurigen Rekord: Fast 64000 Menschen werden dort Jahr für Jahr ermordet, nur Kriegsgebiete können da noch mithalten. Legt man die Mordrate zugrunde, tauchen unter den 50 gefährlichsten Städten der Welt gleich 17 brasilianische Städte auf. Überfälle gehören zum Alltag – es ist schwierig, einen Brasilianer zu treffen, der dergleichen noch nicht erlebt hat. Angst hat natürlich nicht nur die Mittel- und Oberschicht, die im Zweifel ihren Restaurant-Besuch ohne sicheren Parkplatz eben absagt. Sondern es trifft vor allem die Bewohner der Elendsviertel, der Favelas, die immer in Gefahr sind, bei einem Schusswechsel zwischen Banden verletzt oder gar erschossen zu werden.

          Angesichts dieser Bedrohungslage scheint es nicht erstaunlich, dass am heutigen Sonntag ein Mann nächster Präsident Brasiliens werden könnte, der gründlich im Lande aufräumen will. Jair Bolsonaro, ein 63-jähriger Hauptmann der Reserve, hat im Wahlkampf das Motto ausgegeben: „Gewalt lässt sich nur mit Gewalt bekämpfen.“ Bolsonaros Lieblingsgeste passt dazu: Gerne formt er bei Wahlkampfauftritten aus Daumen und Mittelfinger eine Pistole und drückt symbolisch ab. Den Besitz von Waffen zu erleichtern, soll eine seiner ersten Amtshandlungen werden. Laut Umfragen wollen ihn 56 Prozent der Brasilianer in der heutigen Stichwahl wählen – ein komfortabler Vorsprung, den sein Gegenkandidat Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei PT wohl nicht mehr aufholen kann.

          Jair Bolsonaro will sich am Sonntag zum brasilianischen Präsidenten wählen lassen.

          So schlüssig die Wahl Bolsonaros auf den ersten Blick scheint, so irritierend ist sie auf den zweiten Blick: Denn der Favorit passt wenig zu dem Bild, dass die Welt sich häufig von Brasilien macht und dass die Brasilianer nur zu gerne von sich zeichnen. Danach ist der gemeine Brasilianer stets freundlich und offen – „o homem cordial“ (der herzliche Mensch) hat der brasilianische Denker Sérgio Buarque de Holanda diese Lebenseinstellung getauft.

          Selbst bei größter Anstrengung lässt sich keine Überschneidung zwischen diesem Idealbild und Jair Bolsonaro feststellen. Es genügt, sich ein paar Aussagen des 63-Jährigen vor Augen zu führen. Über Schwarze, die einen großen Anteil an der brasilianischen Bevölkerung stellen, hat der Vater von vier Söhnen und einer Tochter einmal gesagt: „Es besteht keine Gefahr, dass sich meine Söhne in eine Schwarze verlieben, sie wurden gut erzogen.“ Über Homosexuelle äußerte er sich so: „Ich hätte lieber einen Sohn, der bei einem Unfall stirbt, als einen schwulen Sohn.“ Und zur brasilianischen Militärdiktatur der Jahre 1964 bis 1985 sagte er den bemerkenswerten Satz: „Der große Fehler der Diktatur war es, dass sie Menschen nur gefoltert hat. Nicht getötet.“ Ein Satz, der schon rein faktisch nicht stimmt, weil damals auch Menschen zu Tode gefoltert wurden.

          Auch wenn Jair Bolsonaro mitunter einfach nur einer Lust an der Provokation nachzugeben scheint, fragt sich alle Welt: Wie kann ein solcher Extremist nur beste Aussichten haben, das fünftgrößte Land der Erde zu führen? Und wie wird er das Land verändern, wenn er erst einmal an der Macht ist? Nicht zum Guten, so viel lässt sich voraussehen.

           Ausgerechnet die Reichen und Gebildeten

          Es verrät viel über den Zustand der brasilianischen Gesellschaft, dass eine Mehrheit voraussichtlich trotzdem für ihn stimmen wird. Viele Brasilianer sind in gesellschaftlichen Fragen weitaus weniger fortschrittlich, als man annehmen könnte. Rund ein Drittel der insgesamt mehr als 200 Millionen Brasilianer neigt nach Schätzungen einer der vielen Strömungen der evangelikalen Pfingstkirchen zu. Die Kirchen haben sich klar für Bolsonaro ausgesprochen: Der 63-Jährige hat sich 2016 öffentlichkeitswirksam im Jordan taufen lassen. Auch seinen zweiten Vornamen, der tatsächlich „Messias“ lautet, betont er in kirchlichen Kreisen gerne.

          Trotzdem hätte allein die Unterstützung der Kirchen nicht gereicht, Bolsonaro dorthin zu bringen, wo er jetzt ist. Noch zu Beginn des Jahres galt der Mann aus Rio de Janeiro als völlig chancenloser Außenseiter. Viele Jahre war er abseits seiner radikalen Äußerungen kaum aufgefallen: 1955 im Bundesstaat São Paulo geboren, besuchte er als junger Mann die Militärakademie und wurde Fallschirmjäger. Es war die Zeit, als die Militärs in Brasilien die Macht im Staate innehatten. Bolsonaro verherrlicht diese Jahre der Diktatur als „glorreiche Epoche“. Dies änderte sich auch nicht, als er nach 17 Jahren aus dem Militärdienst ausschied. Brasilien war mittlerweile eine Demokratie geworden und Bolsonaro beschloss, in die Politik zu gehen. Er kandidierte zunächst für das Stadtparlament von Rio und kam dann 1991 in den brasilianischen Kongress. Dies ist das Ironische an seiner Geschichte: Der Kandidat, der verspricht, Brasilien jetzt endlich auf Vordermann zu bringen, ist in Wahrheit einer der längstgedienten Abgeordneten des Landes.

          Woran liegt es, dass die Bevölkerung ihn anders wahrnimmt? Ausgerechnet seine Rolle als Außenseiter kommt ihm jetzt zugute. Wegen seiner extremen Ansichten war er niemals Teil der Ränkespiele, die Brasiliens Politik prägen: Während Politiker nahezu aller Parteien in einen gewaltigen Korruptionsskandal um den staatlichen Ölkonzern Petrobras verwickelt waren, ist Bolsonaro bis heute zumindest in diesem Punkt nichts nachzuweisen. Dies darf man als Wahlmotiv nicht unterschätzen: Brasiliens Wähler sind der Herrschaft der traditionellen Parteien müde, die Arbeiterpartei PT ist mittlerweile bei vielen verhasst. Die Partei, die mit den Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva und Dilma Rousseff 13 Jahre lang regierte, wird für die derzeitige wirtschaftliche Misere des Landes verantwortlich gemacht. Brasilien erholt sich nur mit Mühe von der schwersten Rezession seiner Geschichte. Diese eindeutige Zuordnung der Verantwortlichkeiten mag unfair sein, aber Bolsonaros Gegenkandidat Haddad kommt nicht gegen diese Stimmung an.

          Es sind neben den Evangelikalen ausgerechnet die Reichen und Gebildeten, die dem Diktaturenfreund Bolsonaro ihre Stimme geben wollen. Dabei wirkt der Mann bei öffentlichen Auftritten oft hölzern, ihm fehlt es an Eloquenz. „Der Frust über die Vergangenheit ist so groß, dass viele darüber hinwegsehen“, sagt Jan Woischnik, der das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rio de Janeiro leitet. Wobei die Stimmung im Land aggressiv ist wie nie. Mitunter zerbrechen Familien an der Frage, wer für Bolsonaro stimmen wird und wer nicht. Der Kandidat scheint Freude daran zu haben, Öl ins Feuer zu gießen: Er werde „Säuberungen“ vornehmen, wenn er an die Macht komme, sagte er vergangene Woche.

          Er werde nur seinen Sieg akzeptieren, nichts anderes

          Selbst das scheint eine Mehrheit nicht zu schrecken, was auch an einer cleveren Strategie liegt: In Brasilien endet heute der wohl erste Whatsapp-Wahlkampf der Geschichte. Bolsonaro und seine Unterstützer haben das Land auf geschickte Weise mit einem Netz von Whatsapp-Gruppen überzogen – allerdings zu Teilen widerrechtlich finanziert durch unerlaubte Unternehmensspenden, mit denen man sich die Kontaktdaten von Millionen Brasilianern kaufte. Ihre häufig aggressiv zugespitzten Botschaften verbreiten Bolsonaro und seine Leute nahezu ausschließlich über den Kurzmitteilungsdienst. Traditionelle Medien wie das Fernsehen spielen fast keine Rolle mehr.

          Sogar die Börse feiert die Aussicht auf einen Erfolg Bolsonaros mit steigenden Aktienkursen. Dies hat vor allem damit zu tun, dass der 63-Jährige zwar fast alle Posten in seinem Kabinett ganz im Stile früherer Zeiten vor allem mit Militärs besetzen will, dabei aber eine gewichtige Ausnahme macht: Der Investmentbanker und Ökonom Paulo Guedes soll eine Art Superministerium für Wirtschaft und Finanzen leiten. Guedes hat in seinen öffentlichen Äußerungen all das gesagt, was die Anleger an den Finanzmärkten gerne hören. Er will Staatsunternehmen privatisieren und die Ausgaben des hochverschuldeten brasilianischen Staates kürzen, indem er sich an der schwersten Reform versucht, an der man sich in Brasilien versuchen kann – einer Reform des Pensionssystems. Viele Brasilianer können heute schon mit Mitte 50 in Rente gehen, die Kosten dafür sind enorm.

          Guedes hat viele Ideen, die Brasiliens Wirtschaft tatsächlich voranbringen könnten. Doch niemand weiß, ob Bolsonaro ihn wirklich machen lässt. Seine Abstimmungshistorie im Kongress zeugt vom Gegenteil: In all den Jahren hat der Präsidentschaftskandidat stets gegen Privatisierungen votiert.

          Viel mehr beunruhigen muss aber, dass Jair Messias Bolsonaro nicht gewillt scheint, sich noch aufhalten zu lassen. Wenn er nicht gewinne, seien die Wahlen manipuliert, hat er unlängst gesagt. Er werde nur seinen Sieg akzeptieren, nichts anderes. Das Traurige für Brasilien ist, dass es wahrscheinlich wirklich so kommen wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Bastian Benrath

          F.A.Z.-Sprinter : Dunkle Wolken am Sommerhimmel

          In Sachsen beginnt der Prozess im Mordfall Daniel H., und in Paris möchte Boris Johnson weiter Zugeständnisse beim Brexit-Abkommen erwirken. Wie sie dennoch zu einem lockeren Sommertag kommen, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.