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Stichwahl am Sonntag : Ein Extremist für Brasilien

Auch wenn Jair Bolsonaro mitunter einfach nur einer Lust an der Provokation nachzugeben scheint, fragt sich alle Welt: Wie kann ein solcher Extremist nur beste Aussichten haben, das fünftgrößte Land der Erde zu führen? Und wie wird er das Land verändern, wenn er erst einmal an der Macht ist? Nicht zum Guten, so viel lässt sich voraussehen.

 Ausgerechnet die Reichen und Gebildeten

Es verrät viel über den Zustand der brasilianischen Gesellschaft, dass eine Mehrheit voraussichtlich trotzdem für ihn stimmen wird. Viele Brasilianer sind in gesellschaftlichen Fragen weitaus weniger fortschrittlich, als man annehmen könnte. Rund ein Drittel der insgesamt mehr als 200 Millionen Brasilianer neigt nach Schätzungen einer der vielen Strömungen der evangelikalen Pfingstkirchen zu. Die Kirchen haben sich klar für Bolsonaro ausgesprochen: Der 63-Jährige hat sich 2016 öffentlichkeitswirksam im Jordan taufen lassen. Auch seinen zweiten Vornamen, der tatsächlich „Messias“ lautet, betont er in kirchlichen Kreisen gerne.

Trotzdem hätte allein die Unterstützung der Kirchen nicht gereicht, Bolsonaro dorthin zu bringen, wo er jetzt ist. Noch zu Beginn des Jahres galt der Mann aus Rio de Janeiro als völlig chancenloser Außenseiter. Viele Jahre war er abseits seiner radikalen Äußerungen kaum aufgefallen: 1955 im Bundesstaat São Paulo geboren, besuchte er als junger Mann die Militärakademie und wurde Fallschirmjäger. Es war die Zeit, als die Militärs in Brasilien die Macht im Staate innehatten. Bolsonaro verherrlicht diese Jahre der Diktatur als „glorreiche Epoche“. Dies änderte sich auch nicht, als er nach 17 Jahren aus dem Militärdienst ausschied. Brasilien war mittlerweile eine Demokratie geworden und Bolsonaro beschloss, in die Politik zu gehen. Er kandidierte zunächst für das Stadtparlament von Rio und kam dann 1991 in den brasilianischen Kongress. Dies ist das Ironische an seiner Geschichte: Der Kandidat, der verspricht, Brasilien jetzt endlich auf Vordermann zu bringen, ist in Wahrheit einer der längstgedienten Abgeordneten des Landes.

Woran liegt es, dass die Bevölkerung ihn anders wahrnimmt? Ausgerechnet seine Rolle als Außenseiter kommt ihm jetzt zugute. Wegen seiner extremen Ansichten war er niemals Teil der Ränkespiele, die Brasiliens Politik prägen: Während Politiker nahezu aller Parteien in einen gewaltigen Korruptionsskandal um den staatlichen Ölkonzern Petrobras verwickelt waren, ist Bolsonaro bis heute zumindest in diesem Punkt nichts nachzuweisen. Dies darf man als Wahlmotiv nicht unterschätzen: Brasiliens Wähler sind der Herrschaft der traditionellen Parteien müde, die Arbeiterpartei PT ist mittlerweile bei vielen verhasst. Die Partei, die mit den Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva und Dilma Rousseff 13 Jahre lang regierte, wird für die derzeitige wirtschaftliche Misere des Landes verantwortlich gemacht. Brasilien erholt sich nur mit Mühe von der schwersten Rezession seiner Geschichte. Diese eindeutige Zuordnung der Verantwortlichkeiten mag unfair sein, aber Bolsonaros Gegenkandidat Haddad kommt nicht gegen diese Stimmung an.

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