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Kommentar : Das verlorene Vertrauen

  • -Aktualisiert am

Selten gingen die Deutschen mit so trüber Stimmung ins neue Jahr. Die Bürger sind skeptischer als die Politik, und der Staatsfunk vermittelt gerade in der Flüchtlingskrise eine ganz andere Stimmung.

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          Das Vertrauen. Es ist verlorengegangen – zwischen Politik und Bürger. Dabei braucht es Vertrauen, damit die Schrittfolge des Alltags in Gang kommt. Sonst steht man, wie Kafka geschrieben hat, jedes Mal vor einer Tür, durch die man sich nicht zu gehen getraut, obwohl sie doch nur für einen geöffnet worden ist.

          „Sehen Sie dem Jahr 2016 mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?“ Zum Jahreswechsel stellten die Demoskopen von Allensbach wieder diese Frage. Die Antwort darauf war ein Einbruch der Hoffnungswerte. So etwas gab es selten. Seit 1949 fragt Allensbach zum Jahreswechsel nach den Hoffnungen oder Befürchtungen der Leute für das kommende Jahr. Nur beim Korea-Krieg, dem Mauerbau, den beiden Ölkrisen, der Wende in der DDR, den Anschlägen auf New York und der Finanzkrise schlug die Stimmung so plötzlich um wie heute. Der dramatische Stimmungseinbruch ist umso bemerkenswerter, da die wirtschaftliche Lage in Deutschland für die meisten Leute so gut ist wie selten zuvor. Es herrscht fast Vollbeschäftigung, und der niedrige Ölpreis zusammen mit dem weichen Euro treiben das Wachstum zuverlässig weiter an.

          Offenbar vermitteln Politik und der Staatsfunk in der Flüchtlingskrise eine ganz andere Stimmung, als in der Bevölkerung vorherrscht. Die Leute sind viel skeptischer als die politische Führung. Deshalb baut das „Wir schaffen das“-Mantra von Angela Merkel kein Vertrauen auf – im Gegenteil. Wenn vier von zehn Befragten der Meinung sind, dass man in diesem Land nicht mehr sagen darf, was man denkt, wie Allensbach in einer anderen Umfrage herausfand, dann stimmt in Deutschland etwas nicht. Dabei gibt es für eine Radikalisierung der Bevölkerung keine Anzeichen, auch wenn ein paar Politiker meinen, das Gegenteil unterstellen zu müssen.

          Aber die Leute spüren, wenn ihre Sorgen nicht ernst genommen werden. Ein Beispiel: Viele Migranten bringen nicht nur ein anderes Rechtsverständnis mit, sondern auch ein anderes Bild von der Frau. Wenn es die Politik ernst meint mit der Beteuerung, dass unsere Werte und Gesetze anerkannt werden müssen, dann darf nicht toleriert werden, wenn Männer sich aus Glaubensgründen weigern, einer Frau die Hand zu geben oder Essen von ihr in Empfang zu nehmen. Mann darf sich auch nicht weigern, von Ärztinnen behandelt zu werden. So ein Verhalten ist frauenfeindlich, es diskriminiert die Hälfte der Menschheit. Wo sind die Feministinnen geblieben, die dagegen kämpfen?

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