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IWF-Vizechef John Lipsky im Gespräch : "Wir haben uns alle einlullen lassen"

  • Aktualisiert am

John Lipsky Bild: REUTERS

Amerika hat die Welt in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt. Jetzt wird überall der Kapitalismus in Frage gestellt. IWF-Vizechef John Lipsky über die gefährliche Wachstumseuphorie, die Vorzüge von Finanzinnovationen und die neue Not der Armen

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          Herr Lipsky, Amerika hat die Welt in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt. Jetzt wird überall auf der Welt der Kapitalismus in Frage gestellt.

          Ich scheue vor solch einer scharfen Beschreibung ein wenig zurück. Natürlich gibt es vieles, was wir aus dieser Krise lernen können und müssen, vor allem mit Blick auf die Ordnung und Regulierung der globalen Finanzmärkte. Aber für mich sind die Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate der beste Beweis dafür, dass der moderne Kapitalismus nicht am Ende ist. Sondern im Gegenteil.

          Wie bitte?

          Sehen Sie doch nur, was alles geschieht als Reaktion auf die Krise: Mit einem Vorlauf von nur vier Wochen haben sich im November die Staats- und Regierungschefs der zwanzig führenden Industrie- und Schwellenländer in Washington zu einem Finanzgipfel getroffen, und nächste Woche kommen sie in London abermals zusammen.

          Um den wilden Kapitalismus zu zügeln.

          Halt. Die G20 haben sich verpflichtet, die globalen Märkte für Waren, Dienstleistungen und Kapital auch weiterhin offen zu halten. Niemand plädiert in der aktuellen Diskussion dafür, sich von der Marktwirtschaft abzuwenden. Die G-20-Initiative ist historisch ohne Beispiel. Das Gleiche gilt für die Konjunkturpakete, die rund um die Welt nahezu simultan geschnürt worden sind. Auch das hat es so noch nicht gegeben. Und nationale Initiativen, unterstützt durch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem Forum für Finanzmarktstabilität und dem Internationalen Währungsfonds, eröffnen die Möglichkeit zu einer effektiveren Finanzmarktregulierung.

          Aber erklären Sie doch bitte einmal, wie die Marktwirtschaft so versagen konnte.

          Natürlich müssen wir uns fragen, was schiefgelaufen ist und warum die Marktdisziplin versagt hat. In vielen Fällen war die Aufsicht durch Aktionäre mangelhaft, und das Management führender Finanzinstitute hat so ungeheuer kurzsichtig gehandelt, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Zu oft haben professionelle Investoren, angebliche Fachleute, in großem Stil in Finanzprodukte investiert, die sie nicht verstanden und deren Risiken sie nicht erkannt haben. Dabei haben sie schlicht die Verantwortung ihren Kunden gegenüber vernachlässigt.

          Aber was ist der Grund dafür? Gier? Dummheit?

          Management, Aktionäre, Investoren: Sie alle haben sich von der außerordentlich guten und unerwarteten Entwicklung der Wirtschaft und der Märkte in den vergangenen Jahren einlullen lassen und Risiken unterschätzt. Der Optimismus war einfach zu groß. Eine wirksamere Regulierung hätte die Risiken verringert.

          Welche Chancen bietet uns die Krise?

          Zunächst lässt sie uns erkennen, wie ungeheuer weit die Globalisierung in den vergangenen zwanzig Jahren vorangekommen ist. Der Zusammenbruch des Ostblocks, die deutsche Wiedervereinigung, die Integration von Ländern wie Indien und China in die Weltwirtschaft. Diese und andere Ereignisse haben die Entwicklung des Welthandels und globaler Kapitalmärkte immens vorangetrieben. Zwar hat es immer wieder zwischendurch auch Krisen gegeben, sei es in Asien, Lateinamerika oder Osteuropa, aber insgesamt handelt es sich um eine Erfolgsgeschichte, die von Wachstum und Wohlstand erzählt. Trotz allem zeigt die jetzige Krise, dass es gemeinsamer, aufeinander abgestimmter Anstrengungen bedarf, damit alle Menschen Nutzen aus der Globalisierung ziehen können.

          Von Adam Smith wissen wir, dass die Gesellschaft insgesamt davon profitiert, wenn Menschen in ihrem eigenen Interesse handeln. Wo hört denn das gesunde und notwendige Streben nach Gewinn und Erfolg auf, und wo beginnt die schädliche Gier?

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