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IWF-Tagung : Transatlantischer Kindergarten

  • -Aktualisiert am

Die Amerikaner verweisen darauf, dass die Unruhe an den Märkten direkte Folge der Schuldenkrise im Euroraum sei. Die empörten Europäer entgegnen, dass die Amerikaner ein ebenso großes Schuldenproblem hätten. Die Finanzmärkte haben jedenfalls den Euroraum ins Visier genommen - und das zu Recht.

          Wenn die Lage nicht so ernst wäre, könnte man nur darüber schmunzeln. Da treffen sich auf dem bisherigen Höhepunkt der Banken-Wirtschafts-Staatsschuldenkrise auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds in Washington die Vertreter der wichtigsten Wirtschaftsräume diesseits und jenseits des Atlantik. Und verbringen das Wochenende - wie schon die Wochen zuvor - damit, sich über die Medien und teils wohl auch direkt wie im Kindergarten zu streiten, wer denn nun schuld an der Wirtschaftsmisere sei.

          Manches davon ist medial überzogen. Aber das wechselseitige Misstrauen besteht doch. Die Amerikaner verweisen darauf, dass die Unruhe an den Finanzmärkten, die zunehmend die Weltwirtschaft belastet, direkte Folge der Staatsschuldenkrise im Euroraum sei. Dem wird man nicht widersprechen wollen, auch wenn in dem Vorwurf ein gehöriges Maß der Ablenkung von den eigenen Problemen mitschwingt. Die empörten Europäer versuchen ihrerseits abzulenken und betonen in ermüdender Eintönigkeit, dass die Vereinigten Staaten doch mindestens ein ebenso großes Schuldenproblem hätten wie manche europäische Staaten. Das ist alles schön und gut. Fakt aber ist, dass die Finanzmärkte derzeit den Euroraum ins Visier genommen haben - und das zu Recht.

          Man beobachte nur, wie effizient die Amerikaner die - eigenverursachte - Finanzmarktkrise in den Griff bekamen. Ein wirklich seriöser Stresstest der Banken, verbunden mit dem auch unerwünschten Einschuss staatlichen Kapitals. Das haben die Großbanken schon lange zurückgezahlt. Wichtiger aber ist vor allem, dass die Finanzmärkte an der Stabilität der Großbanken nicht mehr zweifeln. Und Europa? Dem zweiten Stresstest in diesem Jahr glaubt immer noch niemand, und die Banken stehen unter Verdacht, zu wenig Kapital zu haben.

          Damit ist nicht gesagt, dass die Europäer dem Beispiel der Amerikaner in allem folgen und etwa die EZB noch weiter in die Finanzierung von Staatsschulden hineinziehen sollten. Bei weitem nicht alles ist Gold im freiheitlichen Westen. Es kritisiert sich aber überzeugender, wenn man zuvor die eigenen Hausaufgaben gemacht hat. Davon sind die Europäer, wie die bedrückende Verunsicherung der Märkte offenbart, wesentlich weiter entfernt als die Vereinigten Staaten, deren Probleme eher in der Zukunft liegen. Doch der Fokus der Märkte kann sich freilich auch schnell wieder ändern.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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