https://www.faz.net/-gqe-9yh4s

Vorschlag wegen Corona : IW: Rentenerhöhung im Sommer halbieren

Viele Rentner sind durch die Corona-Pandemie gefährdet, über fallende Löhne könnten auch ihre Rentenansprüche sinken. Bild: dpa

Durch die Corona-Krise könnten die Löhne fallen. Das hätte auch dämpfende Wirkung auf die Renten. Deshalb schlägt das arbeitgeberfinanzierte Institut der deutschen Wirtschaft eine ungewöhnliche Maßnahme vor.

          2 Min.

          Die Corona-Krise belastet den deutschen Arbeitsmarkt zusehends. Hunderttausende Unternehmen haben Kurzarbeit angemeldet; Millionen Arbeitnehmer machen sich Sorgen um ihr Einkommen und um ihren Arbeitsplatz. Im starken Kontrast dazu entwickelt sich die finanzielle Lage der Älteren. Weil sich die Rentenanpassungen an der guten Lohnentwicklung des Vorjahres orientieren, dürfen sich die rund 21 Millionen Rentner dieses Jahr über einen kräftigen Aufschlag freuen: Zum 1. Juli sollen die gesetzlichen Renten in Westdeutschland um 3,45 Prozent steigen, in Ostdeutschland um 4,2 Prozent.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Doch mit zeitlicher Verzögerung werden auch die Rentner den Corona-Einschlag spüren. Ihnen drohen dann im schlimmsten Fall jahrelang Nullrunden. Das arbeitgebernahe Kölner Wirtschaftsforschungsinstitut IW schlägt nun vor, die Diskrepanz zwischen Lohn- und Rentenentwicklung schon in diesem Jahr abzuschwächen. Die radikale Idee: Es will die Rentenanpassung 2020 halbieren.

          Das IW argumentiert, so könnten „intergenerative Lastenverschiebungen“ infolge der Pandemie vermieden werden. „Die Rentenkasse ließe sich durch eine Halbierung der Rentenerhöhung um schätzungsweise gut 3 Milliarden Euro entlasten. Wenn sich in den Folgejahren die Wirkungen der Corona-Krise in den der Rentenanpassung zugrundeliegenden Rechengrößen niederschlagen, kann das Nachholen der ausgelassenen Rentenerhöhung helfen, die Entwicklung der gesetzlichen Renteneinkommen zu verstetigen“, heißt es in dem Papier des IW-Forschers Jochen Pimpertz, das der F.A.Z. vorliegt.

          Durch niedrigere Löhne nach der Corona-Krise drohen Rentenkürzungen

          Grundsätzlich sorgt zwar die Rentenformel zeitversetzt dafür, dass die Rentenanpassungen nach der Wirtschaftskrise wieder geringer ausfallen. Doch ausgerechnet mit der neuen Haltelinie für ein Rentenniveau von mindestens 48 Prozent hat die Bundesregierung diesen Automatismus bis 2025 de facto außer Kraft gesetzt. „Deshalb droht in der Rentenversicherung eine asymmetrische Lastverteilung auf Kosten der Steuer- und Beitragszahler“, warnt das IW. Das Rentenniveau beschreibt das Verhältnis von der Standardrente zum aktuellen Durchschnittsgehalt, ist also ein relativer Wert, der nichts besagt über absolute Höhe und Kaufkraft.

          Das IW rechnet nun vor: Sollten die Löhne infolge der Corona-Krise sinken, ergäbe sich rechnerisch eine Rentenkürzung, die dann in den Folgejahren nachgeholt würde. Genau dieser Automatismus würde aber durch die neuen doppelten Haltelinien außer Kraft gesetzt. „Damit ein Mindestsicherungsniveau von 48 Prozent bis 2025 garantiert werden kann, wurde der Nachholfaktor für diesen Zeitraum de facto ausgeschaltet“, schreibt das IW. Das führt aber in der aktuellen Situation zu irritierenden Effekten, wie die Modellrechnung des Instituts zeigt: Steigt die fiktive westdeutsche Standardrente im Sommer um 3,45 Prozent, ergäbe sich mit dem unterstellten beitragspflichtigen Durchschnittsverdienst ein Rentenniveau vor Steuern von 48,1 Prozent.

          „Würde sich am Jahresende Corona-bedingt ein um 5 Prozent niedrigerer Durchschnittsverdienst ergeben, so stiege das Sicherungsniveau unter ansonsten gleichen Bedingungen auf 50,6 Prozent.“ Bei einer Halbierung der Rentenerhöhung im Sommer – also im Westen um 1,725 Prozent – errechnet das IW immer noch ein Rentenniveau von 50,2 Prozent. Das Institut warnt: Wenn der Nachholfaktor bis 2025 nicht angewendet wird, drohen die Ausgaben dauerhaft auf ein höheres Niveau zu steigen, weil ausgelassene Kürzungen nicht mit künftigen Erhöhungen verrechnet werden. „Droht daraufhin der Beitragssatz bis 2025 auf mehr als 20 Prozent zu steigen, greift zudem die zweite Haltelinie, die einen höheren Anstieg verhindert. Stattdessen wäre dann der Bund gefordert, die Finanzierungslücke aus Steuermitteln zu schließen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.