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IW-Studie : Zeitarbeitsbranche sieht sich als Sprungbrett

Der „Klebeeffekt“ in der Zeitarbeit ist umstritten Bild: ZB

Rund 300.000 Leihkräfte sind laut einer neuen Studie im vergangenen Jahr in die Stammbelegschaften von Kundenunternehmen übernommen worden. Dabei habe sich der Trend zu solchen Übernahmen im Laufe des Jahres deutlich erhöht.

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          Die gute Lage am deutschen Arbeitsmarkt und der große Personalbedarf deutscher Unternehmen zahlt sich offenbar auch für Zeitarbeiter aus. Rund 300000 Leihkräfte sind im vergangenen Jahr in die Stammbelegschaften von Kundenunternehmen übernommen worden. Das geht aus Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP) hervor. Demnach hat sich der Trend zu solchen Übernahmen im Jahresverlauf deutlich erhöht. Im September seien es rund 50000 gewesen, doppelt so viele wie im April. Gleichzeitig baute die Branche die Zahl ihrer Beschäftigten im Jahresverlauf um rund 100000 auf etwa 900000 aus. Das IW berechnet auf Basis einer Umfrage unter mehr als 2000 Zeitarbeitsniederlassungen monatlich einen Beschäftigungsindex für die Branche.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          „Diese Zahlen zeigen die große Integrationsleistung der Zeitarbeitsbranche für den Arbeitsmarkt“, sagte BAP-Präsident Volker Enkerts dieser Zeitung. Mitarbeiter seien im großen Stil übernommen worden, gleichzeitig seien neue Beschäftigte vor allem aus der Arbeitslosigkeit gewonnen worden. „Die Gewerkschaftsangaben zur angeblich geringen Übernahmequote sind somit, wie viele andere von ihr kultivierte Vorurteile, ein Mythos“, sagte Enkerts mit scharfen Worten in Richtung Arbeitnehmervertreter.

          Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hält die Zahl von 300.000 Übernahmen für durchaus plausibel. Allerdings liege die Zahl der Menschen, die innerhalb des vergangenen Jahres in der Zeitarbeit beschäftigt waren, nach Schätzung von DGB-Arbeitsmarktexperte Johannes Jakob bei rund 1,8 Millionen. Der Grund sei die hohe Fluktuation der Branche. Jakob kommt so auf eine Übernahmequote von rund 15 Prozent. „Das ist viel zu niedrig, um die starke Verbreitung von Leiharbeit zu rechtfertigen.“ Der wahre Grund für den Einsatz liege gerade im produzierenden Gewerbe in den hohen Lohnunterschieden zwischen Stammbelegschaften und Zeitarbeitern, sagt Jakob. Deshalb führen die Gewerkschaften derzeit Verhandlungen mit den Arbeitgebern über ein tarifliches Modell zur Gleichbezahlung der Leiharbeiter.

          Die Übernahmequote von Zeitarbeitern ist ein politisch brisantes Thema, schließlich wurde die Öffnung dieses Teilarbeitsmarktes vor knapp zehn Jahren auch damit begründet, Arbeitslose nur durch Zeitarbeit wieder dauerhaft ins Erwerbsleben bringen zu können. In der Folge wuchs die Zahl der Zeitarbeiter bis zum Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahresdurchschnitt im zweistelligen Bereich. Der Klebeeffekt, also die Frage, wie viele Zeitarbeiter letztlich von einem ausleihenden Unternehmen in dessen Stammbelegschaft übernommen wurden, blieb jedoch umstritten.

          Eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommt zu dem Schluss, dass nur 7 Prozent der vormals Arbeitslosen im Zweijahreszeitraum den Schritt in eine Beschäftigung außerhalb der Zeitarbeit schaffen. Nimmt man auch Personen hinzu, die zuvor nicht arbeitslos waren, dann steigt der Klebeeffekt jedoch auf 25 Prozent. „Zumindest ein schmaler Steg“ lautet das Fazit der Autoren in Bezug auf die Brückenfunktion von Leiharbeit. Die Daten stammen allerdings schon aus dem Jahr 2006.

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