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Wegen Energiekrise : Streit über Italiens vernachlässigten Gasschatz

Energiewende kommt nicht voran

Vor drei Jahren hatte die linkspopulistische Fünf-Sterne-Bewegung noch mit Umweltparolen bei den Wählern gepunktet und einen Bohrstopp verhängt. Doch die Hoffnung auf eine Beschleunigung der Energiewende erwies sich als Wunschtraum, denn stattdessen wurde das heimische Gas nur durch Importware ersetzt. Italien hat kürzlich auch zwei Kohlekraftwerke wieder hochfahren müssen, weil der Atomstrom aus Frankreich unerwartet ausblieb. Kohle spielt ansonsten kaum eine Rolle in der italienischen Energieerzeugung; in Betrieb befindliche Kernkraftwerke gibt es nicht.

„Chilometro zero“ – „null Kilometer“ ist ein italienisches Konzept, das in der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie entstand und die Bevorzugung des lokalen Anbaus fördert. „Warum kann das nicht auch für die Gasförderung gelten?“, fragt der Industrieverband Assorisorse. Dort sagt ein Verantwortlicher auch, dass eine gesteigerte italienische Gasproduktion ganz Europa nutzen und etwa die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas verringern könnte. Mehr als hundert Plattformen stehen in der Adria, zudem wird an Land gefördert, etwa in der Region Emilia-Romagna.

Etliche Plattformen sind stillgelegt, einige wenige werden abgebaut, doch andere arbeiten auf Sparflamme. Sie könnten leicht hochgefahren werden. Um die Produktion zu verdoppeln, müssten allerdings auch neue Bohrlöcher gebohrt werden, heißt es beim führenden Gasförderer Italiens, dem Konzern Eni. Die Regierung gilt als willig. Der parteilose Umweltminister Roberto Cingolani, der früher beim Rüstungskonzern Leonardo und Ferrari tätig war, ist pragmatisch. „Er ist kein Politiker, sondern ein Technokrat im guten Sinne“, sagt der Öl-Lobbyist Nanni. Eine industrienahe Fachzeitschrift kürte ihn kürzlich zu ihrem „Mann des Jahres“.

Kritik kommt von Umweltschützern

Doch ob er seinen Plan der Produktionssteigerung wie gewünscht durchsetzen kann, ist fraglich. In Italien reden bei solchen Fragen die Regionen, Provinzen und Gemeinden ein gewichtiges Wort mit. Die Gasförderung ist – wenig überraschend – nicht populär. Seit Langem herrscht in Italien der Verdacht, dass die Gasförderung für Bodenabsenkungen in der Nähe sorge. „Es gibt keine wissenschaftlichen Studien, die den Zusammenhang beweisen“, sagt der Gasbefürworter Tabarelli.

Zudem kritisieren die Umweltschützer, dass Methan als Hauptbestandteil von Erdgas beim Austritt in die Atmosphäre viel klimaschädlicher sei als CO2, auch wenn es sich deutlich schneller wieder abbaue. Bei der Förderung könnte Methan in die Atmosphäre gelangen, wird befürchtet. Das geschieht freilich heute schon, nur nicht in Italien. Überdies sorgt gerade der Transport über viele tausend Kilometer wegen undichter Rohre für erheblichen Austritt; weniger Importe könnten diesen Effekt abmildern.

In jedem Fall sind noch etliche Hürden für mehr Gasförderung zu überwinden. Der Lobbyist Nanni aus Ravenna gibt sich optimistisch: Er freut sich dabei auch über ein Projekt der CO2-Abscheidung und -Lagerung, das der Energieriese Eni bei Ravenna starten will. Abgetrenntes CO2 soll in erschöpften Gasfeldern unter der Adria gelagert werden. Allerdings verweigern die EU und der italienische Staat die Bezuschussung. Zudem fehlen noch mehrere Genehmigungen der verschiedenen behördlichen Ebenen. Somit könnte es noch dauern, bis Ravenna seine industrielle Renaissance erlebt.

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