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Kommentar : Italiens entwertete Küsten

Italiens Küsten sind übersät mit hässlichen Appartements und seelenlosen Villensiedlungen. Nachhaltigen Tourismus muss man mit der Lupe suchen.

          Ein Häuschen mit Blick aufs Meer, davon träumen nicht nur deutsche Urlauber, sondern auch der Durchschnittsitaliener. Viele haben gebaut. Vor allem in Süditalien sind die Küsten übersät mit Schwarzbauten, hässlichen Appartementhäusern oder seelenlosen Villensiedlungen. Kein Wunder, dass Italiens „Mezzogiorno“ zwar fast drei Viertel der 9000 Kilometer italienischer Küsten besitzt, aber in der Tourismusstatistik gerade einmal auf ein Fünftel der Gästeübernachtungen Italiens kommt. Denn attraktive Hotels fehlen an Süditaliens Küsten, obwohl gerade jetzt neue Reiseziele als Ersatz für die Türkei oder Ägypten gesucht werden. Doch neue Hotels zu bauen ist an den meisten Küsten Süditaliens verboten. Das ist die vordergründige Reaktion auf die Sünden der Vergangenheit, in der lokale Bauunternehmer, oft in undurchsichtigen Bündnissen mit der Politik, die Küsten mit geschmacklosen Bauten zugepflastert haben. Die haben nie internationalen Tourismus gebracht, sondern schnelle Gewinne für die Erbauer, ansonsten eine Urlaubssaison von sechs Wochen und für den Rest des Jahres geschlossene Fensterläden.

          Hotelunternehmer, gar aus dem Ausland, die langfristig in die touristische Entwicklung und Vermarktung eines Küstenortes investieren würden, bleiben weitgehend ausgesperrt. Die Süditaliener waren einerseits nicht in der Lage, mit ihren Institutionen für ihre schönen Küsten eine ökonomisch nachhaltige Nutzung zu planen. Andererseits durften private Bauherren die mitunter schönsten Landstriche der Nation bebauen, als wäre da nichts Besonderes. Die Luxusprämie für Grundstücke und Bauten mit Meerblick wurde sozusagen „privatisiert“.

          Unterwanderung des Stadtrats durch die Mafia

          Viele italienische Großstädte haben es ebenfalls versäumt, den Wert ihrer Grundstücke und Immobilien am Meer zu würdigen oder rational zu nutzen. Der Blick von den Uferstraßen in Neapel wurde schon vor 230 Jahren von Goethe gepriesen und seither millionenfach als „Gouache“ in einer gemalten Ansichtskarte verewigt - gegenüber der Stadt der Vesuv, etwas weiter entfernt das Ufer von Sorrent und schließlich die Insel Capri. In der benachbarten Bucht von Bagnoli reicht der Meeresblick bis nach Ischia. Doch was haben die Neapolitaner daraus gemacht! In Bagnoli, am Strand mit Traumaussicht, stand lange ein Stahlwerk, dessen Abfälle den kilometerlangen Strand vergifteten. Das Stahlwerk wurde vor 25 Jahren stillgelegt und bis 2005 abgerissen; seither ist wenig passiert.

          Gleich am Strand hat jedoch ein findiger Professor alte Fabrikhallen in „industrielle Archäologie“ umgewidmet, sich ein Büro mit Meerblick gesichert und mit EU-Hilfen ein Zentrum für Ausbildungsprogramme sowie ein kleines technisches Museum eingerichtet. All das soll bleiben, mit Park und Resten der Fabrik als „Industriearchäologie“, während für Hotels und Yachthafen nur eine kleine Ecke eingeplant ist. Am liebsten würden natürlich die lokalen Bauträger das Gelände mit den üblichen Mehrfamilienhäusern zupflastern. An hochfliegende Projekte denkt man in Neapel aus lokalpolitischen Interessen lieber nicht. Was könnten kreative Stadtplaner ohne klientelistischer Tunnelblick aus einer solchen Bucht mit Bilderbuchaussicht machen? Etwa mit einem Kongresszentrum vom Stararchitekten, das Aufsehen erregt wie das Guggenheim-Museum, mit dem der Amerikaner Frank Gehry einer abgelegenen Stadt wie Bilbao zu ungeahnten Touristenströmen verhalf?

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          Vieles, wie das schwer erreichbare Ausbildungszentrum am Strand, könnte in Neapel an zweckmäßigere Plätze verlagert werden, um die Küste sinnvoll zu nutzen. Neben Bagnoli, auf der Felseninsel Nisida, gibt es ein Jugendgefängnis, nebenan amerikanische Marineoffiziere, aber leider kein Feriendorf. Am Golf von Neapel, an der Hotelfront der Stadt, belegen Repräsentationsräume der Universität ein Gebäude, das besser als Hotel diente. An einem kleinen Hafen neben dem königlichen Schloss haben Offiziere ihre Dienstwohnung mit Meerblick gerade dort, wo man wohl auch Milliardären Villen auf künstlichen Inseln verkaufen könnte. Weiter an der Meerfront folgt ein raumgreifender alter Hafen, wo die Stadt eigentlich eine neue Promenade und weitere Hotels brauchte. So wie in Neapel sieht es in vielen Städten Italiens aus, mit ungünstig gelegenen alten Häfen oder etwa wie in Palermo mit einem Messegelände zwischen Stadt und Meer. Rom hat eine am Meer gelegene Vorstadt namens Ostia, wo man keine Eisbar mit Blick aufs Meer findet, dafür Art-déco-Fassaden wie in Miami, aber leider verlottert. Statt Entwicklung erlebte Ostia Unterwanderung des Stadtrats durch die Mafia.

          Die verfehlte Nutzung von Italiens Küste hat viele Gesichter: überholte Tradition, Staatsdiener mit dem Privileg des Meeresblicks vom Arbeitsplatz oder private Bereicherung mit schwarz gebauten Häusern. Dadurch verlorene Entwicklungschancen wurden nie bewertet. Das wirtschaftliche Potential bringen Amerikaner mit dem Begriff „Seafront“ auf den Punkt. In Italien gibt es hierüber keine rationale Diskussion. Auch deswegen klingt es lächerlich, wenn Politiker aus Küstenstädten mit Traumblick für fehlendes Wirtschaftswachstum die angebliche „Austeritätspolitik“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel verantwortlich machen wollen.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

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