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Italien : Der Sturz einer Großbank

  • Aktualisiert am

Mediobanca hat die italienische Finanz- und Industriewelt jahrzehntelang kontrolliert. Nun bröckelt die Macht.

          Große Veränderungen stehen an in der Industrielandschaft Italiens. Das Übernahmeangebot der unter Führung von Fiat stehende Holdinggesellschaft Italenergia für die Industrieholding Montedison könnte nur der erste Streich sein.

          Im Prinzip geht es darum, die mächtigste Bank des Landes, Mediobanca, zu entmachten. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs war es das Kreditinstitut unter Führung von Enrico Cuccia, das durch Minderheitsbeteiligungen an führenden Konzernen und gute Kontakte zu den italienischen Staatsbanken die Zügel in der Hand hielt. Vergleichbar mit der zentralen Position der Deutschen Bank oder der Wallenberg-Familie in Schweden ging in Italien nichts ohne das Plazet von Cuccia. „Aktien werden gewichtet und nicht gezählt“, war das Motto des Mediobanca-Gründers, und der autoritäre Stil funktionierte - bis zu seinem Tod vor einem Jahr.

          Mediobanca verliert Kontrolle

          Mediobanca kontrolliert mit Generali, HdP und Montedison unter anderen die größten Versicherungs-, Medien- und Enerigekonzerne des Landes. Die Anteile bewegen sich zumeist jeweils unter 15 Prozent, doch Mediobanca konnte sich in der Vergangenheit sicher sein, wichtige Teilhaber auf seiner Seite zu haben. Doch nun nicht mehr: Fiat im Zusammenspiel mit dem französischen Energieriesen EDF unter dem Dach der Holding Italenergia hat genau diese früheren Mehrheitsbeschaffern ein Übernahmeangebot unterbreitet - für die Mehrheit an der Industrieholding Montedison Als eigentliches Übernahmeziel gilt hier der größte private Energieversorger Italiens, Edison, an dem Montedison 61 Prozent hält.

          Mediobanca bald selbst Übernahmekandidat?

          Die Offerte beträgt 2,82 Euro je Aktie. Damit wird Montedison mit 4,95 Milliarden Euro bewertet. Die Italenergia wird von Fiat mit einer Beteiligung von 40 Prozent angeführt, der französische Stromversorger Electricite de France (EdF) halte 18 Prozent, die Tassara-Gruppe des Unternehmers Romain Zaleski 20 Prozent und drei italienische Geldinstitute seien gemeinsam mit ebenfalls 20 Prozent beteiligt. Den Angaben zufolge verfügt die Italenergia bereits jetzt über mehr als 48 Prozent der Montedison-Anteile.

          Fiat will Mediobanca als Nummer eins ablösen

          Für den Automobilkonzern Fiat bedeutet dieser Schritt einen enormen Prestigegewinn im Lande. Jahrzehntelang diktierte Mediobanca die Bedingungen bei dem renommierten Automobilkonzern - bis hin zur Besetzung der CEO-Position. Die Demontage von Mediobanca stärkt Fiats Position in Italien. Der Einstieg ins Stromgeschäft, obschon länger avisiert, dürfte da nur Mittel zum Zweck sein. Bislang betreibt FIat ausschließlich Elektrizitätswerke für die eigene Automobilproduktion.

          Analysten zufolge werden die Übernahmeschlachten weitergehen in Italien, die Mediobanca deutlich an Macht verlieren. „Die Position von Mediobanca verschlechtert sich, sie verliert die Kontrolle über die Finanzwelt in Italien“, urteilt Ludivico Marino, Fundmanager bei Zenit Sgr in Mailand. Selbst die Mediobanca selbst wird nun als Übernahmekandidat gehandelt. Die Spekulationen trieben den Aktienkurs der Bank am heutigen Tag um gut fünf Prozent nach oben.

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