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IT-Beratung : Beratung statt PCs - IBM kauft PwC Consulting

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IBM hat sich seit den Tagen des ersten PCs enorm gewandelt Bild:

IBM ist längst kein reiner PC-Konzern mehr. Immer wichtiger wird das Beratungsgeschäft. Die Übernahme von PwC Consulting ist nur konsequent.

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          IBM baut das Beratungsgeschäft weiter aus. Der weltgrößte Computerkonzern kauft die Consultingsparte des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers (PwC) für 3,5 Milliarden Dollar. Der Kaufpreis soll in bar und in IBM-Aktien gezahlt werden.

          Die Übernahme dürfte sich in den folgenden Quartalen gewinnsenkend für IBM auswirken. Doch bereits ab Ende 2003 rechnet Big Blue mit insgesamt höheren Profiten. PwC Consulting wird im Geschäftsjahr 2002 einen Umsatz von 4,9 Milliarden Dollar erreichen und hat weltweit 30.000 Mitarbeiter. Das Unternehmen wird unter das Dach der Sparte IBM Global Services kommen. In Deutschland beschäftigt PwC Consulting rund 2.000 Berater, die entsprechende IBM-Sparte zählt 16.000 Mitarbeiter. Ein Arbeitsplatzabbau ist laut IBM-Deutschland-Chef Erwin Staudt hierzulande nicht geplant. Weltweit wollte der Konzern jedoch Entlassungen nicht ausschließen: „Wir werden Anpassungen vornehmen, wo sie notwendig erscheinen“, kündigte eine Sprecherin an.

          „Brillanter Coup“

          Analysten halten den Kaufpreis von 3,5 Milliarden Dollar für fair. Vor knapp zwei Jahren spielte Hewlett-Packard mit dem Gedanken, die Sparte zu übernehmen, gab allerdings wegen heftiger Kritik der Aktionäre die Pläne auf. Damals waren bis zu 18 Milliarden Dollar im Gespräch. „Ich schätze, PwC suchte verzweifelt nach einem Käufer“, sagte Fondsmanager Michael Kagan von Smith Barney. PricewaterhouseCoopers ist der letzte der großen fünf Wirtschaftsprüfer, der sein Beratungsgeschäft abgibt. Die Aufsichtsbehörden in Washington hatten nach dem Enron-Skandal noch härter als zuvor auf eine Trennung von Prüfungs- und Consultinggeschäft bei den Firmen gedrängt, um Interessenskonflikte zu vermeiden.

          PwC Consulting sollte ursprünglich unter dem Namen „Monday“ im kommenden Monat an die Börse, doch IPO und Umbenennung sind nun hinfällig geworden. „IBM konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen“, sagte George Elling, Analyst bei der Deutschen Bank. Er bewertet den Zukauf als einen „brillianten Coup“. „Die klügsten Unternehmen sind diejenigen, die akquirieren, wenn die Aktien im Keller sind,“ meinte der Fachmann. PwC und IBM passten langfristig einfach gut zusammen, auch wenn das IT-Beratungsgeschäft momentan „im Keller sei“.

          Beratung immer wichtiger für IBM

          IBM Global Services bietet Unternehmen und anderen Großkunden Computerdienstleistungen jeder Art an und beschäftigt 150.000 Mitarbeiter oder gut die Hälfte der Mitarbeiter des Gesamtkonzerns in 160 Ländern. Das margentächtige Geschäft sorgt mit einen Umsatz von 35 Milliarden Dollar für 44 Prozent der Konzerneinnahmen und ist somit inzwischen größer und wichtiger für den Konzern als die Computer- und Softwaresparten.

          Den Aufstieg zum weltgrößten Computerkonzern verdankt IBM zwar einer Reihe von Innovationen im Hardware-Bereich. Soch schrieb „Big Blue“ 1981 mit dem ersten PC Geschichte. Doch in vielen Hardware-Bereichen ist der Konzern in den vergangenen Jahren von Konkurrenten wie Compaq oder Dell abgehängt worden. Im Juni 2002 kündigte IBM an, sich von unrentablen Bereichen im Hardwaregeschäft zu trennen. So wurde die Produktion von Festplatten an den japanischen Elektronikkonzern Hitachi für gut zwei Milliarden Dollar verkauft. „IBM scheint zum Schluss gekommen zu sein, dass das Hardwaregeschäft zu brutal ist, selbst für IBM“, kommentierte damals Experte Steven Milunovic von Merrill Lynch den Rückzug.

          Ähnlich wie die Konkurrenten von Hewlett-Packard oder Sun Microsystems sucht IBM seit einigen Jahren einen Ausweg aus den bescheideneren Zuwachsraten im Hardwaregeschäft im massiven Ausbau der Dienstleistungssparte. IBM setzt mittlerweile darauf, den Kunden komplette IT-Lösungen aus einer Hand anzubieten, angefangen vom Consulting, über den Aufbau von ganzen Computersystemen bis hin zu ihrem Betrieb. Mit dem Kauf der PwC Consulting wurde diese Strategie konsequent fortgesetzt. Nicht zuletzt dürfte der Zugriff auf einen großen und attraktiven Kundenstamm eine Rolle bei der Akquisition gespielt haben. Der Konzern kann mit der Übernahme seinen Vorsprung im Dienstleistungsgeschäft auf den neuen Computerriesen HP nach dessen Fusion mit Compaq weiter ausbauen.

          Unterschiedliche Unternehmenskulturen

          Trotz der allgemeinen Zustimmung gab es auch vereinzelt Kritik an der Übernahme. Der Gigant aus Armonk werde noch bereuen, dass er den Reizen des „Lockpreises“ unterlegen sei, sagte Christine Ferrusi Ross, Analystin bei Forrester Research. Sie wies darauf hin, dass die Nachfrage nach IT-Beratungsdiensten in den vergangenen zwei Jahren stark eingebrochen ist. Und eine Wende zeichne sich zumindest für die kommenden sechs Monate nicht ab.

          Noch schwerer wiegt für die Expertin jedoch, dass die 30.000 Mitarbeiter von PwC ihre Neutralität verlieren werden, sobald sie auf der Payroll von IBM stehen. Während die Consultants von PwC bis dato bei ihren Analysen nicht an die Empfehlung der Produkte bestimmter Produzenten gebunden gewesen seien, müssten sie nun ihre Beratung unter das Corporate Design von IBM stellen.

          Bezweifelt wird auch, ob es beiden Konzernen gelingt, die unterschiedlichen Unternehmenskulturen unter einen Hut zu bringen. PwC ist geprägt durch die Partnership-Struktur der Muttergesellschaft, IBM ist hingegen wesentlich hierarchischer geführt. In dieser Hinsicht ist IBM ein gebranntes Kind: So erwies sich die Integration der „bunten Vögel“ von Lotus nach der Übernahme des Software-Unternehmens problematischer als erwartet. Doch der Preis muss IBM-Chef Sam Palmisano wie ein Schnäppchen vorgekommen sein, so dass er der Versuchung letztlich nicht wiederstehen konnte.

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