https://www.faz.net/-gqe-73btp

Islands Industrieminister : „Zum Glück haben wir nicht versucht, die Banken zu retten“

  • Aktualisiert am

Steingrímur Sigfússon Bild: REUTERS

Steingrímur Sigfússon, Islands Industrieminister, bewirbt sein Land als Beispiel für Krisenbewältigung. Die Regierung reklamiert erstaunliche Fortschritte für sich. Taugt Island auch als Vorbild für andere Staaten?

          Sie bewerben Ihr Land als Beispiel für die Krisenbewältigung. Was kann Griechenland von Island lernen?

          Wir sind nicht in der Position, um wie ein Prediger aufzutreten, der alle Antworten und Lösungen kennt. Aber wenn wir unsere Situation heute mit der Lage direkt nach dem Zusammenbruch unserer drei Großbanken vor rund vier Jahren vergleichen, lässt sich durchaus viel Positives feststellen. Wir haben Island vor dem Bankrott gerettet, das vom Internationalen Währungsfonds begleitete Konsolidierungsprogramm abgeschlossen, mit erfolgreichen Anleiheemissionen wieder Zugang zum internationalen Kapitalmarkt erlangt. Und die unorthodoxe Art und Weise, auf die wir all das erreicht haben, ist auch im Ausland auf großes Interesse gestoßen.

          Die am wenigsten orthodoxe Maßnahme war, dass sie die ausländischen Gläubiger der Banken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir bis heute nicht ausbezahlt haben. Werden sie jemals ihr Geld wiedersehen?

          Sie werden alles bekommen, was noch an Vermögen in diesen alten Banken drinsteckt. Wir haben glücklicherweise nicht versucht, sie zu retten; wir hätten es ohnehin nicht gekonnt. Das haben sogar die Gläubiger verstanden. Die Bilanzsumme der drei Institute war zehnmal so hoch wie unser Bruttoinlandsprodukt! Ich habe den Gläubigern deshalb schon 2009 versucht zu erklären, dass sie von der Erholung der isländischen Wirtschaft profitieren würden, während ein völliger wirtschaftlicher Zusammenbruch niemandem geholfen hätte. Manche Gläubiger werden nun sogar einen Gewinn machen, weil sie Forderungen anderer Gläubiger kurz nach dem Kollaps der Banken zu einem sehr niedrigen Preis aufgekauft haben.

          Wie viel von ihren Forderungen werden Gläubiger wie die Deutsche Bank, die Bayern LB und die Commerzbank am Ende denn bekommen?

          Für Kaupthing und Glitnir wird die Quote vermutlich bei 25 bis 30 Prozent liegen. Landsbanki wird seine vorrangigen Gläubiger, britische und niederländische Sparer, zu 100 Prozent bedienen können. Für die anderen bleibt dann jedoch nicht mehr viel übrig. Aber in allen drei Fällen gehören zum Vermögen der zusammengebrochenen alten Banken auch Anteile an den drei neu gegründeten, nur im Inland aktiven Banken. Diese haben wir mit dem nötigen Kapital ausgestattet, sie sind nun profitabel.

          Island hat per Notgesetz ausländisches Kapital eingefroren, das in isländischen Kronen angelegt war. Wann werden die Restriktionen gelockert?

          Wir bauen sie schrittweise ab, zum Beispiel in Auktionen. Wer dringend Kapital abziehen will, kann daran teilnehmen. Die Investoren können ihr Kapital außerdem zu attraktiven Bedingungen neu in Island anlegen.

          Warum sollten sich ausländische Geldgeber noch einmal darauf einlassen?

          Zum einen ist es zurzeit ja auch anderswo in Europa nicht besonders attraktiv für sie; es gibt viel Kapital und wenig Anlagemöglichkeiten. Zum anderen hat unsere Wirtschaft eine starke Basis: Energie aus erneuerbaren Quellen, die reichsten Fischgründe im Nordatlantik, eine moderne Infrastruktur, ein gutes Gesundheits- und Bildungssystem und durchfinanzierte Rentenkassen. In vier oder fünf Jahren werden wir außerdem wieder ein ausgeglichenes Staatsbudget haben.

          Wird es eine Lockerung der Restriktionen auch geben, falls Island nicht der EU und der Währungsunion beitritt?

          Ja, das eine hängt nicht vom anderen ab. Natürlich ist die Währungsfrage ein großes Thema für uns. Aber wir werden die Krone in jedem Fall noch einige Jahre haben, deshalb planen wir mit beiden Optionen. Und wir wissen, dass wir unser Haus in Ordnung bringen müssen - ob mit oder ohne Euro.

          Weitere Themen

          60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

          Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

          Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

          Nach langem Anlauf fusioniert Video-Seite öffnen

          T-Mobile US und Sprint : Nach langem Anlauf fusioniert

          Ein Zusammenschluss der Nummer drei und Nummer vier des amerikanischen Mobilfunkmarktes war in den vergangenen Jahren schon zwei Mal gescheitert. Jetzt steht nur noch das Justizministerium als einzige Hürde im Weg.

          Topmeldungen

          Der russische Präsident Wladimir Putin und Viktor Orban, Ministerpräsident von Ungarn, geben sich während einer gemeinsamen Pressekonferenz in Moskau die Hand.

          Nach Ibiza-Video : Orbán und Putin wenden sich von Strache ab

          In seinem Ibiza-Video hat Heinz-Christian Strache den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán als sein Vorbild bezeichnet. Doch der hat sich nun von Österreichs ehemaligem Vizekanzler distanziert. Auch Putin wendet sich von Strache ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.