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Integrationsprobleme : Wenn der radikale Islam in die Firma kommt

Ein Muslim betet in einer Moschee in Cherbourg-Octevillle im Nordwesten Frankreichs. Bild: AFP

In französischen Unternehmen sind Konflikte über Religion an der Tagesordnung. Manch männlicher Beschäftigte gibt weiblichen Kolleginnen noch nicht mal die Hand. Im Zeichen der Anschläge bekommen diese Konflikte nun ein neues Gewicht.

          Manche der Terroristen von Paris haben ein Vorleben geführt, das jahrelang dem von Normalbürgern glich. Samy Amimour etwa, der am Freitag in der Konzerthalle „Bataclan“ mit zwei Komplizen fast 90 Menschen tötete, war bis 2012 ein gutes Jahr lang Busfahrer im Großraum der französischen Hauptstadt. Dies hat in Frankreich eine Debatte über die Rolle von Unternehmen im Umgang mit ihren Beschäftigten ausgelöst.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Denn Christophe Salmon, Generalsekretär der Gewerkschaft CFDT im städtischen Nahverkehrsunternehmen RATP, berichtete in der Presse von einer beunruhigenden Radikalisierung unter einigen Beschäftigten: „Es gibt auffällige Verhaltensabweichungen. Man hat zugelassen, dass bestimmte Mitarbeiter beispielsweise weibliche Kollegen nicht per Handschlag begrüßen, dass sie wegen ihrer Gebete zu spät zur Arbeit erscheinen oder am Arbeitsplatz beten.“ Ein anderer Gewerkschaftssprecher erzählt von der Weigerung, den Anweisungen weiblicher Vorgesetzter zu folgen und oder auch nur einen Bus zu fahren, den vorher eine Frau gesteuert hat.

          Diese Konflikte bekommen im Zeichen der Anschläge ein neues Gewicht, doch sie sind nicht neu: Schon 2007 berichtete die Gewerkschaft CFE-CGT auf einem Flugblatt von den „vielfachen Schwierigkeiten der Vorgesetzten bei der RATP, die Trennung von Glaube und Staat als eines unserer wichtigsten Prinzipien durchzusetzen“. Und nicht nur das staatliche Nahverkehrsunternehmen ist betroffen; Saïd Kouachi, einer der Terroristen, die im Januar das Blutbad in der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ anrichteten, arbeitete zwei Jahre lang als „Werbe-Botschafter der Mülltrennung“ in der städtischen Verwaltung.

          In mehreren Bezirken von Paris ging er von Haus zu Haus, um die Verwalter für die Mülltrennung zu gewinnen. Doch auch er schüttelte weiblichen Kollegen nicht die Hand, brachte seinen Gebetsteppich mit zur Arbeit und unterbrach zum Beten häufig seine Arbeit. Dieses Verhalten hätten mehrere Mitarbeiter an den Tag gelegt, berichtete ein Kollege. „Im Laufe der Zeit wurde die Zusammenarbeit immer schwieriger.“ 2009 wurde Kouachi entlassen.

          Kopftuchverbot in allen Schulen

          Konflikte über Religionsfragen sind in Unternehmen keine Seltenheit, denn sie arbeiten nicht im luftleeren Raum jenseits der Gesellschaft – auch in Deutschland. Die Frage nach dem Tragen eines Kopftuches sorgt beispielsweise immer wieder für Zündstoff. In Deutschland dürfen Arbeitgeber auf religiös motivierte Verhaltensweisen wie das Tragen des Kopftuches keinen Einfluss nehmen. Doch es gibt Ausnahmen, wenn etwa Geschäftsschädigung nachgewiesen werden kann oder die Arbeitssicherheit gefährdet ist.

          Frankreich geht beim Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat oder öffentlichem Raum weiter. Das Kopftuchverbot gilt in allen Schulen, und im vergangenen Jahr bestätigte das oberste Berufungsgericht, dass die Entlassung einer Kindergärtnerin in einer privaten Einrichtung richtig war. Sie hatte sich geweigert, ohne Schleier zu arbeiten.

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