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Parlamentswahl in Irland : Der keltische Phönix aus der Asche

Irlands Ministerpräsident Varadkar kann sich seiner Wiederwahl nicht sicher sein und macht Wahlkampf in Tyrrellspass. Bild: dpa

Irland ist wieder obenauf. Es gibt Rekordbeschäftigung. Regierungschef Varadkar muss trotzdem um seine Wiederwahl zittern, die Wohnungskrise droht ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen.

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          Was für ein Drama war das vor rund einem Jahrzehnt: Das Land, das man den „keltischen Tiger“ genannt hatte, stand nahe an der Staatspleite. Als die Immobilienblase platzte, war Irland 2008 in eine Rezession und Schuldenkrise gefallen. Banken brachen zusammen, 2010 finanzierte der Staat eine milliardenschwere Rettungsaktion. Irland musste die EU und den Internationalen Währungsfonds um Hilfe bitten, es erhielt ein Kreditprogramm von 68 Milliarden Euro mit Auflagen. Tausende Unternehmen taumelten, viele gingen pleite, das Land rutschte von der Vollbeschäftigung in die Massenarbeitslosigkeit.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Heute dagegen steht Irland wirtschaftlich wieder bemerkenswert gut da. Fast nichts deutet mehr auf die schwere Krise hin. In Dublin ragen wieder auf mehreren Dutzend Baustellen Kräne in den Himmel, ein Bürokomplex nach dem anderen wird errichtet. Entlang des Flusses Liffey in der Nähe des Hafens expandieren die großen Tech-Unternehmen. Von Amazon und Apple über Facebook bis Google haben hier amerikanische Weltkonzerne ihre Europa-Hauptquartiere errichtet. In der Einkaufsmeile Grafton Street, die vom Trinity College bis zum St. Stephen’s Green Park führt, drängen sich Kunden an den Schaufenstern der Geschäfte.

          Kein Zweifel: Dublin boomt, das Land ist wie Phönix aus der Asche auferstanden. Und doch gibt es Unzufriedenheit. „Irland ist eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der entwickelten Welt“, sagt Dan O’Brien, Chefvolkswirt am Institute of International and European Affairs (IIEA) in Dublin. „Dennoch gibt es keine allzu positive Stimmung unter den Wählern. Das erscheint vielen Kommentatoren rätselhaft.“

          Schlechte Versorgung in Krankenhäusern

          Zwei Hauptklagen hört man: Wohnungen und Häuser sind, vor allem in Dublin, unbezahlbar geworden. Außerdem gibt es viele Beschwerden über schlechte Versorgung in Krankenhäusern mit stundenlangen Wartezeiten in der Notaufnahme. Premierminister Leo Varadkar muss um sein Amt bangen, wenn an diesem Samstag ein neues Parlament gewählt wird. Seine seit 2011 regierende liberal-konservative Partei Fine Gael ist in Umfragen hinter Fianna Fáil von Oppositionsführer Micheál Martin abgerutscht. Zudem rückt die linksrepublikanische Sinn Féin bedrohlich vor, eine Umfrage sah sie sogar ganz vorne. Varadkars Verweis auf die gute Wirtschaft scheint nicht zu zünden.

          Dass Irland der Wiederaufstieg aus der Krise bemerkenswert gut geglückt ist, sieht man in allen ökonomischen Statistiken. Aufgrund der tiefen Rezession 2008 und 2009 gab es Massenarbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenquote verdreifachte sich bis 2012 auf fast 16 Prozent, unter den jungen Erwachsenen war sogar jeder Dritte ohne Arbeit. Mehr als 300.000 Iren hatten auf dem Höhepunkt keine Stelle.

          Die Finanzkrise ließ viele auswandern

          „Vor allem im Bausektor landeten massenweise Leute auf der Straße. Das hat sogar zu einer neuen Auswanderungswelle geführt“, erinnert sich ein Manager eines großen Baustoffkonzerns. Eine sechsstellige Zahl Iren verließ das Land, wie im 19. Jahrhundert versuchten viele, jenseits des Atlantiks, in Nordamerika oder gar in Australien, sich ein neues Leben aufzubauen. Die Emigration hat bis heute schmerzhafte Erinnerungen hinterlassen. Seit 2012 ist die Arbeitslosigkeit auf der Grünen Insel aber stark gefallen, inzwischen liegt sie unter 5 Prozent. Es herrscht Rekordbeschäftigung mit 2,3 Millionen Menschen in Lohn und Brot bei knapp 5 Millionen Einwohnern der Republik.

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