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Irland : Im Land der leeren Häuser

Die Natur kehrt in die Steinwüsten zurück: Ein Pferd vor einem leerstehenden Gebäude in Dublin Bild:

Die Bauwut der Immobilienbarone machte Irland erst zum Wirtschaftswunder und dann zum Krisenfall für den Euro. Das Land hat hart dafür gebüßt. Jetzt kommt alles noch viel schlimmer.

          6 Min.

          Das nicht mehr ganz neue Taxi rumpelt in Richtung Dublin und der Mann hinterm Steuer schimpft vor sich hin. Die Fahrt in die Innenstadt führt vorbei an Bauzäunen, hinter denen seit Jahren nichts mehr voran geht, den heruntergelassenen Rollläden aufgegebener Geschäfte und einem Wald von Werbetafeln, auf denen nur eine Botschaft steht: „Zu Vermieten.“ Es sei die schlimmste Rezession in Irland, die er je erlebt habe, sagt der Taxifahrer, der 73 Jahre alt ist und seit seinem zwölften Lebensjahr arbeitet. Diese Wirtschaftskrise ist anders als alle anderen. „Früher waren die Leute arm und hatten in einer Rezession nicht viel zu verlieren. Dieses Mal hatten viele zum ersten Mal richtig Geld und nun zerrinnt es ihnen zwischen den Händen.“

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im Land wachse die Wut, sagt der Fahrer und wettert gegen Banker und Politiker. „Wir werden hier nächstes Jahr Unruhen erleben, schlimmer als in Frankreich und Griechenland.“ Kein europäisches Land ist in der Wirtschaftskrise so brutal abgestürzt wie Irland. Noch vor drei Jahren platzte die kleine Volkswirtschaft vor lauter Aufschwung aus allen Nähten. Ein gewaltiger Bauboom im ganzen Land hatte den Arbeitsmarkt leergefegt. Ein Jahrzehnt lang haben die zuvor armen Iren ihr Wirtschaftswunder ausgekostet. Jetzt ist es, als sei der ganze neue Reichtum nur eine Fata Morgana gewesen.

          Wetten auf die Zahlungsunfähigkeit

          Die Immobilienblase ist geborsten, die Hauspreise sind um mehr als ein Drittel gefallen, die irische Wirtschaft ist in den vergangenen beiden Jahren bereinigt um die nur durchgeschleusten Gewinne ausländischer Unternehmen um 20 Prozent geschrumpft. Die Arbeitslosenquote hat mit 13 Prozent den höchsten Stand seit 15 Jahren erreicht und das staatliche Haushaltsdefizit ist astronomisch. Im Spätsommer begann der internationale Anleihenmarkt auf eine Zahlungsunfähigkeit des irischen Staates zu wetten. Die grüne Insel ist momentan nach Griechenland der größte Krisenherd in der Währungsunion.

          Protest gegen die Regierung in Dublin

          Geblieben sind die Geschichten aus den goldenen Jahren, die heute noch überall erzählt werden. Sie klingen wie aus dem Märchenbuch. Da ist die Immobilienmaklerin, die von dem Hausbesitzer in der feinen Shrewsbury Road in Dublin berichtet, der seine Immobilie im Jahr 1983 für 300.000 Euro gekauft und 2006 für 36 Millionen Euro verkauft habe. Mehr als 10.000 Prozent Wertsteigerung in 23 Jahren waren im irischen Immobilienmarkt keine Seltenheit. Und alle machten mit.

          „Hier dachte jeder, er sei Donald Trump“, sagt der Krisenmanager Pearse Farrell vom Beratungsunternehmen FGS, das zu den größten Insolvenzverwaltern im Land zählt. Ein Banker erzählt von dem Beamten mit einem Jahreseinkommen von 75.000 Euro, dem Hypothekenkredite von 8 Millionen Euro gewährt wurden, mit denen er Häuser zusammenkaufte, die auf dem Höhepunkt der Immobilien-Hausse 12 Millionen Euro wert waren. Inzwischen ist der spekulationswütige Staatsdiener hoffnungslos überschuldet.

          Die Zahlen sind schwindelerregend: In Irland stehen rund 350.000 Häuser leer, etwa 20 Prozent des gesamten Wohnungsbestands. „Geisterdörfer“ nennen die Iren die im ganzen Land zu besichtigenden toten Neubausiedlungen, in denen kein einziges Haus bewohnt ist. Wann beginnen sich die Immobilienpreise, die die Banken und das ganze Land wie Blei mit nach unten ziehen, endlich zu stabilisieren?

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