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Iran-Sanktionen : Provoziert Trump eine neue Ölkrise?

Amerikas Präsident Donald Trump im April in Crosby Bild: dpa

Die bisher schärfsten Sanktionen gegen Iran treffen den Markt in fragilem Zustand. Schmutziges Öl aus Russland sorgt für zusätzliche Brisanz. Und Amerika redet die Lage schön.

          An diesem Donnerstag werden die schärfsten Sanktionsregeln in Kraft treten, die je über den Iran verhängt wurden. Die amerikanische Regierung hat ein komplettes Ölembargo verhängt. Sie will anders als früher keine Ausnahmen für wichtige Handelspartner, Alliierte und Nato-Partner gewähren. China, Indien, Südkorea, Indien und die Türkei waren bisher die größten Importeure iranischen Rohöls. Die Verkündung des Komplett-Embargos hatte ein deutliche Wirkung auf den Ölpreis. Der Preis für amerikanischen Rohöl stieg auf über 66 Dollar je Fass.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Märkte sind hochgradig nervös. Schon ohne Embargo sind die Preise seit Weihnachten 2019 für die beide wichtigste Rohölsorten WTI und Brent um grob ein Drittel gestiegen. Weitere Störungen der globalen Versorgung könnten die Preise noch einmal deutlich steigen lassen. Ein möglicher Kandidat als Auslöser einer solchen Erschütterung zeigt sich bereits: Russland. Das Land kämpft mit kontaminiertem Rohöl. Deutschland, Polen und die Slowakei haben Mitte voriger Woche die Annahme von Pipelinelieferungen wegen schwere Qualitätsprobleme verweigert. Die Preise stiegen darauf deutlich an. Selbst wenn der zweitgrößte Ölexporteur der Welt die Probleme schnell beheben kann, zeigt sich im Vorfall die Fragilität der globalen Ölversorgung.

          Sie hängt trotz der wachsenden Rolle der Nicht-Opec-Länder an der Fähigkeit und dem Willen Saudi-Arabiens, Kuweit und der Vereinigten Emirate, schnell einzuspringen, wenn der Rohstoff knapp wird wegen überraschender Notsituationen. Am Freitag versuchte der amerikanische Präsident Donald Trump entsprechend die Marktteilnehmer mit der Ankündigung zu beschwichtigen, Saudi-Arabien und andere Länder der Organisation ölproduzierender Länder (Opec) würden den Verlust des iranischen Öls ausgleichen, indem sie die Produktion aufstockten. Er habe mit „Saudi-Arabien und anderen gesprochen“. Alle hätten zugestimmt. Diese Ankündigung hatte beruhigende Wirkung auf den Ölpreis: Amerikanisches Rohöl wurde um drei Dollar billiger.

          Doch nun stellt sich heraus, dass Trump aktuell gar nicht mit Öl-Ministern oder Verantwortlichen der Opec in Kontakt stand. Das berichtet zumindest das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf mehrere unmittelbar involvierte Personen. Ein Sprecherin des Weißen Hause ruderte am Wochenende zurück: Eine saudi-arabische Delegation, zu der auch Opec-Funktionäre gehörten, habe in der vergangenen Woche mit hohe Beamten des Weißen Hauses gesprochen.

          Die amerikanische Regierung hält den globalen Ölmarkt für gut versorgt und verweist auf Prognosen, dass das Angebot in diesem Jahr die Nachfrage übersteigen werde. Das amerikanische Außenministerium hat nach eigener Angabe die Zusicherung von Saudi-Arabien und den Vereinigten Emiraten, die iranischen Verluste wettzumachen. Dazu kämen Nicht-Opec-Länder, die ihre Produktion ausweiteten. Ein Rolle spielen dabei die Vereinigten Staaten selbst, die sich anschicken größter Ölproduzent zu werden. Schließlich seien global die Lager gut gefüllt.

          Wie weit Saudi-Arabien allerdings wirklich gehen wird, ist aber unklar. Die Opec-Länder haben sich mit dem anderen großen Produzenten Russland darauf verständigt, die Produktion in Schach zu halten, um Niedrigpreise zu vermeiden. Russlands und vor allem Saudi-Arabiens Regierungshaushalt hängt von hohen Ölpreisen ab. Zudem steht Saudi-Arabien vor dem Dilemma, die Einigung der Opec auf Spiel zu setzen, um Amerikas Wünschen gerecht zu werden. Und schließlich könnte die Notfallkapazität der Araber auch ohne Iran-Sanktionen beansprucht werden, wenn andere Lieferanten plötzlich ausfallen.

          Die Lage ist womöglich deutlich fragiler, als das amerikanische Außenministerium darlegt. Die Situation in wichtigen Produzentenländern wie Libyen, Nigeria und Venezuela ist unsicher. Venezuelas Produktion ist in diesem Jahr dramatisch zurückgegangen als Folge schwerer Stromausfälle. Zu geringe Investitionen in Förderung und Exploration kommen hinzu.

          Für Länder wie China, Indien, Japan, Südkorea und die Türkei ist die Lage besonders heikel, weil sie bisher stark auf iranische Ölimporte angewiesen waren. Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe hat Trump am Freitag getroffen und wohl auch über Ölimporte gesprochen. China hat die amerikanische Embargo-Politik deutlich kritisiert und bisher Wege gefunden, iranisches Öl durch Tauschgeschäfte einzuführen. Russlands Staatschef Wladimir Putin hat China unterdessen angeboten, Ausfälle auszugleichen. Wie belastbar solche Zusicherungen sind, ist allerdings nicht nur wegen der jüngsten Verschmutzung russischer Öllieferungen ungewiss.

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