https://www.faz.net/-gqe-9oxal

Wiener Ökonom im Gespräch : Wird Iran zu einer Atommacht, Herr Ghodsi?

Die Franzosen haben das gerade versucht. Und der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe war im Juni sogar in Teheran als eine Art Unterhändler des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Viel erreicht zu haben scheint er nicht.

Der Besuch war ein Fiasko. Irans Oberster Führer Chamenei wollte Trump über Abe keine Nachricht ausrichten lassen, weil der amerikanische Präsident „unwürdig“ sei. Klar, dass Trump schäumte! Daraufhin erließ er Sanktionen direkt gegen Chamenei und seine Entourage, so etwas hatte es vorher nie gegeben.

Mit welchem Ergebnis?

Diese persönlichen Sanktionen haben enorme politische und wirtschaftliche Implikationen. Denn sie treffen jeden, der mit den halbstaatlichen Unternehmen Geschäfte macht, die dem Obersten Führer unterstehen. Man darf nicht vergessen, dass ein Großteil der iranischen Wirtschaft von solchen halbstaatlichen Einrichtungen und Stiftungen dominiert wird. Die genießen enorme Privilegien, sind steuerbefreit und unterlagen bisher nie den Sanktionen.

Können Sie Namen nennen?

Zu den mächtigsten Stiftungen, den Bonyads, gehört die „Islamic Revolution Mostazafan Foundation“, ein anderes riesiger Konzern ist die Setad, die „Execution of Imam Khomeini's Order“ (EIKO). Deren Spitzen werden direkt von Chamenei eingesetzt. Sie kontrollieren ganze Zweige der iranischen Wirtschaft und beschäftigen Tausende Menschen. Die meisten davon stehen treu zum Programm der Islamischen Revolution. Allein die beiden genannten Konglomerate kontrollieren 10 bis 15 Prozent des iranischen Sachkapitals.

Von den Strafmaßnahmen aus Washington sind ja nicht nur amerikanische Unternehmen betroffen, sondern über die so genannten Sekundärsanktionen Firmen in aller Welt. Wie hart trifft das Iran?

Die Sanktionen treffen Iran ins Mark. Der Handel und die Investitionen aus Europa und aus anderen Weltgegenden, die mit Amerika verbunden sind, sind praktisch vollständig zum Erliegen gekommen. Geplante Investitionen in Iran von 450 Milliarden Dollar wurden aufgegeben.

Wie sehr leidet die Bevölkerung?

Die Iraner leiden stark, und weder die Regierung noch die Feinde der Regierung kümmert das. Die tatsächliche Jahresinflation beträgt 40 Prozent oder mehr. Für viele Menschen gibt es keine Hoffnung mehr, eine Arbeit zu finden. Der Wechselkurs ist jetzt zwar stabil, aber die riesigen Verluste aus dem vergangenen Jahr können natürlich nicht kompensiert werden.

Ein großes Problem ist, dass die Amerikaner alle Dollar-Transaktionen mit Iran unterbinden, eine echte Alternative dazu gibt es nicht. Die Europäer haben in Paris eine Art Tauschsystem namens Instex ins Leben gerufen, damit ihre Unternehmen weiterhin mit Iran handeln können. Funktioniert Instex?

Nach allem, was wir wissen, passiert da nicht viel. Instex soll ja vor allem für den Ölhandel eingesetzt werden, das scheint aber bisher nicht zu klappen. Natürlich ist der Zahlungsverkehr wichtig, aber das größere Problem ist, dass internationale Firmen wegen der amerikanischen Drohungen überhaupt keine Geschäfte mir Iran mehr machen. Dann brauchen sie auch Instex nicht.

Wie lange hält Iran die Sanktionen aus?

Schwer zu sagen, aber am Ende ist das Land noch nicht. Es hat 90 Milliarden Dollar in einem Nationalen Entwicklungsfonds angehäuft. Das Geld soll eigentlich in Infrastruktur und ähnliches fließen. Es könnte jetzt aber erst einmal dafür herhalten, die Einnahmerückgänge aus dem Ölverkauf abzufedern.

Der iranische Wirtschaftswissenschaftler Mahdi Ghodsi, 33 Jahre alt, arbeitet als Ökonom und Iran-Fachmann am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Bis 2008 studierte er an der Universität von Maschhad, der zweitgrößten iranischen Stadt. Anschließend wechselte er an die Universitäten von Warschau und Mailand. In Warschau wurde er auch promoviert. Später nahm er einen Lehrauftrag an der Kepler-Universität in Linz an.

Weitere Themen

Trump und Thunberg auf Konfrontationskurs Video-Seite öffnen

Davos : Trump und Thunberg auf Konfrontationskurs

Zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums in Davos ist der amerikanische Präsident Donald Trump auf Konfrontationskurs zur Klimaaktivistin Greta Thunberg gegangen. „Wir müssen die ewigen Propheten des Untergangs und ihre Vorhersagen der Apokalypse zurückweisen“, sagte er.

„Der größte Boom der Welt“

Trump in Davos : „Der größte Boom der Welt“

Donald Trump lobt in Davos Amerika und sich selbst. Sein Land befinde sich in der Mitte des größten Booms, den die Welt jemals gesehen habe. Untergangspropheten hätten immer falsch gelegen.

Topmeldungen

Amazon-Chef Jeff Bezos Mitte Januar bei einem Firmenevent im indischen Neu Delhi.

Amazon-Gründer : Hat der saudische Kronprinz Jeff Bezos gehackt?

Einem Bericht zufolge soll der Amazon-Chef von Muhammad Bin Salmans persönlichem Konto eine infizierte Whatsapp-Nachricht bekommen haben. Das wirft Fragen auf, ob es einen Zusammenhang zum ermordeten Dissidenten Jamal Khashoggi gibt. Und zu einem Boulevardskandal um Bezos.

Arbeitgeber in Panik : Keiner kennt die Kosten der Grundrente

1,5 Milliarden Euro könnten für die Grundrente womöglich nicht ausreichen, fürchten die Arbeitgeber. In der Union rumoren die Parlamentarier. Doch die Unions-Minister unternehmen keine hörbaren Anstrengungen mehr.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.