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Investoren schlagen zu : Büros sind gefragt wie nie

Nicht nur Frankfurt ist ein beliebtes Pflaster. Bild: Michael Braunschädel

Der deutsche Markt für Gewerbeimmobilien wächst auf ein neues Rekordvolumen. Internationale Krisen haben diese Entwicklung womöglich noch bestärkt.

          2 Min.

          Allen wirtschaftlichen Querschlägen zum Trotz: Der deutsche Immobilienmarkt hat im vergangenen Jahr neue Rekorde erreicht. Wie große Immobiliendienstleister am Montag weitgehend übereinstimmend berichteten, stieg das Investitionsvolumen auf dem Markt für Gewerbeimmobilien (ohne Wohnungen) gegenüber dem Vorjahr um annähernd ein Fünftel erstmals über die Marke von 70 Milliarden Euro. Noch 2009 waren in deutsche Gewerbeimmobilien wie Büros, Einzelhandelsflächen, Logistik- und Lagerprojekte und Hotels nur gut 10 Milliarden Euro investiert worden. Seitdem sind diese Immobilieninvestitionen stetig und kräftig erhöht worden. Im Zuge dieses langjährigen Aufschwungs stiegen sie schon 2018 auf den damaligen Rekordwert von gut 60 Milliarden Euro, um dann im gerade abgeschlossenen Jahr nochmals eine zuvor nicht erwartete Höhe zu erklimmen.

          Michael Psotta

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.

          Die überraschende Fortsetzung des Aufschwungs 2019 begründete Marcus Lemli, Deutschland-Chef des Maklerhauses Savills und auch zuständig für Investitionen in Europa, unter anderem mit kräftigen Preissteigerungen, die das Investitionsvolumen getrieben haben: „Wenn man bedenkt, dass die Produktknappheit das ganze Jahr über eines der beherrschenden Themen bei Investoren war, ist der nun erzielte Rekordumsatz umso bemerkenswerter. Letztlich hat aber genau jene Produktknappheit ihren Teil zum Rekordumsatz beigetragen,weil die Preise dadurch erneut stark stiegen“, sagte Lemli.

          Krisen schmälern Zuversicht

          Tatsächlich haben zahlreiche Branchenvertreter und Beobachter im Jahresverlauf einen neuen Höchstwert 2019 ausgeschlossen mit dem Argument, dass zwar Nachfrage ausreichend vorhanden sei, dass es aber am Angebot von Gewerbeimmobilien fehle, weil die aktuellen Eigentümer nach einem Verkauf keine besseren Anlagemöglichkeiten sähen. Zudem herrschte eine gewisse Skepsis, ob internationale Krisen sich negativ auf den Immobilienmarkt niederschlagen könnten: Genannt wurden Handelsauseinandersetzungen, der Brexit, politische Krisen und kriegerische Auseinandersetzungen im Nahen und Mittleren Osten oder auch Spannungen innerhalb der Europäischen Union.

          Auch konjunkturelle Dämpfer ließen die generelle Zuversicht vorübergehend schwinden, weil die allgemeine Wirtschaftsentwicklung sich sehr viel schneller auf dem Markt für Gewerbeimmobilien niederschlägt als auf dem Wohnungsmarkt. So ist das Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2019 gegenüber 2018 von 1,5 auf vermutlich nur noch 0,5 Prozent gesunken, und kalenderbereinigt dürfte das BIP auch in diesem Jahr nur um 0,7 Prozent zunehmen.

          Kaum Interesse an Einzelhandel

          Doch abschrecken ließen sich die Investoren davon ganz offensichtlich nicht. Fabian Klein vom Dienstleister CBRE zeigte sich jetzt angenehm überrascht über ein so noch nicht gesehenes Schlussquartal mit einem Investitionsvolumen von rund 30 Milliarden Euro – „2019 war ein Wahnsinnsjahr am deutschen Immobilieninvestmentmarkt“, äußerte Klein in einer Mitteilung. Lemli von Savills führt die Entwicklung unter anderem auf den hohen Anlagedruck der Investoren zurück, aber auch auf „Deutschlands anhaltend große Anziehungskraft als sicherer Anlagehafen“.

          Dies erklärt auch nach dem Urteil anderer Fachleute, dass internationale Krisen dem deutschen Immobilienmarkt sogar nutzen können. Zu den wichtigen Faktoren, die die Immobiliennachfrage treiben, gehören schließlich die niedrigen Zinsen verbunden mit der Erwartung, dass sie in absehbarer Zeit nicht steigen. Sie lenken die Investorennachfrage mangels rentabler Anlagealternativen fast automatisch hin zu den Immobilien, auch wenn sie inzwischen teuer geworden sind.

          In erster Linie konzentrierte sich das Investoreninteresse auf Büros: Sie zogen nach den Erkenntnissen des Dienstleisters JLL etwa 40 Prozent der Anlagegelder auf sich. Einzelhandelsflächen kamen dagegen auf einen historisch niedrigen Anteil von 12 Prozent, unter anderem als Folge des Strukturwandels durch den zunehmenden Einkauf über das Internet. Der Anteil der Logistikhallen beträgt 7Prozent. Nach den Angaben von JLL könnte er deutlich höher sein, es fehle hier aber an Neubauten, also an Objekten, die für Investoren interessant sein könnten. Einen Aufschwung unter den Anlageklassen erleben nach JLL-Angaben Gesundheits- und Pflegeimmobilien, die noch relativ hohe Renditen abwerfen.

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