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Investmentbanker : Die Beute der Söldner

Investmentbanker werden gerne mit Söldnern verglichen. Dieser Vergleich ist im höchsten Maße ungerecht: Für die Söldner, nicht für die Investmentbanker.

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          Investmentbanker werden gerne mit Söldnern verglichen. Dieser Vergleich ist im höchsten Maße ungerecht: Für die Söldner. Denn diese riskieren ihr ganzes Leben, erhalten gewöhnlich ein fixen Sold und bekommen nur dann einen Teil der Beute, wenn eine solche gewonnen wird (und sie das Kunststück vollbringen, am Leben zu bleiben).

          Investmentbanker dagegen setzen nur wenige Jahre ihres Lebens ein, lachen über ihr fixes Einkommen und schaffen es auch dann, an Boni zu kommen, wenn eigentlich gar keine Beute zu verteilen ist.

          2008 wird als das schwarze Jahr der Wall Street in die Geschichte eingehen. Es ist das Jahr, in dem Banker ihre eigene Branche, Staatsetats, ganze Volkswirtschaften ruiniert und die große Systemfrage provoziert haben. Gleichzeitig schütten Wall Street-Banken für 2008 rund 18 Milliarden Dollar als Boni aus. Das sind zwar 44 Prozent weniger als für 2007, aber immerhin so viel wie 2004. Nur fünfmal in der Geschichte der Wall Street regnete mehr Geld auf Banker herab.

          Die Branche hat den Leistungsnachweis nicht erbracht

          Der Zorn über die vermutlich legalen Ausschüttungen kocht schneller hoch als Milch in der Mikrowelle. Denn die Branche hat den Leistungsnachweis, der diese Boni legitimiert, nicht erbracht. Ein Teil der Banken, die jetzt die Belohnungen verteilen, hat längst Staatshilfe in den verschiedenen Varianten bekommen oder zumindest beantragt.

          Ohne das Eingreifen der Steuerzahler müssten die Bonus-Zahlungen in manchen Fällen als subtile Variante der Leichenfledderei geahndet werden. Bei Lehman, der Versicherung AIG und Merrill Lynch wurde Geld ausgezahlt, das eigentlich nicht mehr da war. Die Treueprämie, die die Dresdner Bank Londoner Mitarbeitern spendierte, ist ebenfalls schwer erträglich.

          Der Öffentlichkeit kann und sollte das Entgeltsystem in Unternehmen schnuppe sein. Allerdings nur, solange sie nicht zur Kasse gebeten wird. Die Möglichkeit, dass jetzt Steuern als Leistungsentgelte in den Taschen von Bankern landen ist nicht hinnehmbar.

          Verlorene Schlacht

          Kein Zweifel: Viele Banker haben 2008 hart und manche auch erfolgreich gearbeitet. Aber ihre Erfolge verpuffen in einer Bank, die ohne staatliche Rückendeckung in die Knie gehen würde. Um den Vergleich zu strapazieren: Wenn Schlachten verloren gehen, können selbst die tapfersten Söldner nicht auf Belohnung hoffen.

          Boni orientieren sich zwar mit guten Gründen an individuell erreichten Zielen. Sie sollten gleichwohl nur dann ausgezahlt werden, wenn es einen verteilbaren Erfolg gibt. Und sie müssen künftig unter einen Vorbehalt gestellt werden: Es gibt schlicht keine, wenn der Staat das Unternehmen retten muss. Selbst das Argument, Boni seien als Treueprämien zur Bindung der Talente legitimiert, ist fragwürdig. Das Wort Treueprämie selbst führt in die Irre. Entweder, das Talent ist treu, dann braucht es keine Prämie. Oder es braucht eine Prämie, gerade weil es nicht treu ist. Das Risiko, gute Leute zu verlieren ist in einer dramatisch schrumpfenden Branche gering. Die, die man halten will, bleiben. Und wenn nicht, dann sind sie leichter zu ersetzen als früher.

          Es ist längst klar: Das Vergütungssystem im Finanzsektor muss grundlegend reformiert werden. Denn es belohnt letztlich eine Risikoverhalten, das die aktuelle Krise befeuert hat. Das ist die eine Erkenntnis aus der Finanzkrise.

          Die andere könnte sogar noch schwerwiegender sein: Gewaltige Boni haben die Klügsten und Besten in einen Sektor gelockt, dessen Beitrag zum allgemeinen Wohlstand heutzutage mindestens in Zweifel steht. Wie viel besser könnte es uns allen gehen, wenn die Talente ihre Energie in produktive Branchen gesteckt hätten? Gerne bestens bezahlt.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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