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Windkraft : Kosten für Ökostromanlagen im freien Fall

  • -Aktualisiert am

Vor Dänemark kostet der Ausbau der Ökoenergie weniger. Bild: mauritius images

Windkraft erlebt einen enormen Aufwärtstrend. Sogar Ölkonzerne steigen in das Geschäft mit erneuerbaren Energien ein. Die Entwicklung im Ausland könnte bald auch enorme Folgen für die deutsche Subventionspolitik haben.

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          Es war spät am Abend des vorletzten Sitzungstages vor Weihnachten. Der Bundestag hatte ein umfangreiches Programm absolviert. So umfangreich, dass am Ende auf Reden verzichtet und nur noch abgestimmt wurde, auch über Änderungen an der Ökostromförderung. Die Lobby war am nächsten Morgen zufrieden. Der Bauernverband, die Biogas- und Meereswindbranche sowie der Bundesverband der Solarwirtschaft BSW waren voll des Lobes. „Verbesserte Förderkonditionen, geringere Abgaben und eine höhere Investitionssicherheit dürften den Inlandsmarkt für Solarstromanlagen und Batteriespeicher beleben“, sagte BSW-Chef Carsten König.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Doch während der Bundestag in den vergangenen Monaten um die „verbesserte Förderkonditionen“ für die Ökostrombranche rang, stürzten im Ausland die Förderkosten ab. Die Bereitschaft internationaler Energiekonzerne wächst, auch für kleine Förderung in Europa große Wind- und Solarparks zu errichten. Sie wollen weniger statt mehr Staatshilfe.

          Den Anfang machte der dänische Dong-Konzern zur Jahresmitte. In den Niederlanden gewann er die Ausschreibung der Windparks Borssele I und II, weil er sich mit einer Förderung von 72,70 Euro je Megawattstunde (MWh) zufriedengab. Das war nur noch die Hälfte des Förderniveaus des Jahres 2010. Mitte Dezember zeigte ein Konsortium um den Ölkonzern Shell mit der Ausschreibung für die Borssele III und IV, dass es noch ein Viertel billiger geht: Shell & Co. reicht eine Finanzspritze von 54,5 Euro je Megawattstunde für Bau und Betrieb der Windparks.

          Vattenfall gibt günstige Preise vor

          Dass es noch günstiger geht, hatte zwischenzeitlich der Energiekonzern Vattenfall demonstriert. Nachdem die Schweden sich im August in Holland Baurechte für 64 Euro Förderung je Megawattstunde gesichert hatten, gewannen sie im November das Bietergefecht um den dänischen Ostsee-Windpark „Kriegers Flak“ mit einer Förderforderung von 49,90 Euro je Megawattstunde. Die Offerte liege „58 Prozent unter der ursprünglich veranschlagten Obergrenze und ist damit das bislang niedrigste Gebot für einen Offshore-Windpark weltweit“, meldeten sie stolz. Für ihre deutschen Nordsee-Windparks rechnen sie das Dreifache ab.

          Nicht nur beim Wind, auch bei der Stromerzeugung aus Sonne kommen die Anbieter mit immer geringeren Subventionen aus. Dänische Anbieter bekamen unlängst von der deutschen Netzagentur den Zuschlag für knapp 54 Euro je MWh für Lieferungen in das deutsche Netz. Das ist noch besser als die letzte Ausschreibungsrunde in Deutschland, wo Gebote im Schnitt zu 69 Euro je MWh zum Zuge kamen. Auch das war ein neuer Niedrigpreisrekord. Der günstigste Bieter hatte weniger als 63 Euro je MWh verlangt.

          Subventionen im freien Fall

          Die Subventionen befinden sich im freien Fall. Es geht noch weiter runter. „Wir haben das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht“, sagt Gunnar Groebler, der im Vattenfall-Vorstand für Windstrom zuständig ist. Er bezieht das sowohl auf Wind auf See und an Land als auch auf die Photovoltaik. Auch der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, sieht angesichts überzeichneter Photovoltaik-Ausschreibungen noch Spiel nach unten.

          „Extrem spannend“, findet der Chef des Branchenverbands der Energiewirtschaft BDEW, Stefan Kapferer, die Entwicklung. „Es bestehen Effizienzpotentiale beim Zubau von erneuerbaren Energien, die wir bisher nicht erschlossen haben.“ Hans Bünting, Vorstand für Erneuerbare beim Energiekonzern Innogy analysiert: „Im Vergleich zu anderen Fördersystemen führen Bieterverfahren viel schneller zu einer Senkung der Kosten pro Megawattstunde.“

          Umstellung der Förderung auf Ausschreibung

          Deutschland hat 2015 beschlossen, seine Ökostromförderung in den nächsten Jahren schrittweise auf Ausschreibungen umzustellen. Das geht so: Der Staat gibt vor, wie viel Wind- oder Sonnenstrom er haben will, und der Bieter mit der kleinsten Subventionsforderung bekommt den Zuschlag. Einstweilen gelten aber noch die alten, staatlich festgelegten Sätze. Hieran dürfe nicht gerüttelt werden, warnt Kapferer vom Energieverband: „Wir dürfen nicht in Bestandszusagen eingreifen.“

          Aktuell bekommen neue Windanlagen an Land um die 90 Euro, offshore sind es gar 190 Euro je Megawattstunde. Doch da sich die Bedingungen und Konditionen je nach Land unterscheiden – mal werden Kalenderjahre, mal erzeugte Stunden ausgeschrieben, mal mit, mal ohne Trafostation und Netzanbindung –, sind die verlangten Sätze nicht auf den Euro vergleichbar.

          Deutlicher Hinweis auf Kostensenkungspotential

          Dennoch geben die bei den Nachbarn gezahlten Subventionen einen überaus deutlichen Hinweis auf Kostensenkungspotentiale in Deutschland. „Die anstehende Umstellung der Förderung von Offshore-Windenergie in Deutschland auf ein Auktionssystem lässt (stark) sinkende Preise erwarten“, prognostiziert das Analysehaus Wind-Research. Die Agentur für Erneuerbare Energien kommt nach dem Vergleich von 15 Studien über Kostensenkungsmöglichkeiten bei den Regenerativen zu dem Schluss: „Die Metaanalyse zeigt, dass für Windenergie und Photovoltaik trotz der bereits erzielten Kostenreduktionen mit weiter sinkenden spezifischen Kosten gerechnet wird.“ Bünting von der RWE-Ausgründung Innogy verweist auf die politische Bedeutung: „Sinkende Kosten sind notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren Energien zu erhöhen und damit mehr Akzeptanz in der Bevölkerung zu schaffen.“

          ROYAL DUTCH SHELL A EO-07

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          Doch bleiben die aktuellen Preisstürze vor allem für die noch zu bauenden neuen Offshore-Windparks auch jenseits der Anwendung neuer Auktionsverfahren erklärungsbedürftig. Eine Reihe von kostensenkenden Faktoren liegen auf der Hand, andere im Dunkeln.

          Größere Turbinen mit acht und mehr Megawatt Leistung erzeugen mehr Strom als jene mit 2,4 MW, sie brauchen aber weniger Fundamente und Wartung als viele kleine. Neue Werkstoffe lassen effizientere Produktionsprozesse und Abläufe zu. Siemens beispielsweise stellte unlängst ein neues Transportschiff für Windturbinen in Dienst und versprach um bis zu 15 Prozent niedrigere Kosten. Großserien machen Bestellungen für Betreiber und Hersteller günstiger, die wachsende Zahl der Anbieter der den Kinderkrankheiten entwachsenen Offshore-Windräder verschärfe den Kostenwettbewerb und drücke die Preise, analysieren die Berater von Roland Berger. Auch seien Finanzinvestoren wegen der Niedrigzinsen mit geringeren, aber stabilen Erträgen zufrieden. Erst am Donnerstag gab der Allianz-Konzern den Kauf mehrerer Windparks – wenn auch an Land – für 103 Millionen Euro bekannt.

          Ölkonzerne investieren in Windfarmen

          Andere Faktoren, die sich nicht so eindeutig bestimmen lassen, kommen hinzu. Mit Shell in den Niederlanden und Norwegens Statoil, die nach Großbritannien jetzt auch vor der Küste New Yorks Windstrom erzeugen will, investieren Ölkonzerne in Windfarmen. Sie könnten für den Markteintritt „strategische“ Preise zahlen. Betreiber wie Innogy, die mehr mit dem Geld haushalten müssen, wollen da nicht mitmachen. „Wir werden bei Ausschreibungen nicht versuchen, mit einem extrem niedrigen Gebot zum Zuge zu kommen, nur um ein weiteres Projekt vorweisen zu können“, sagt Bünting.

          Staatskonzerne wie Vattenfall oder Dong hätten Vorteile in der Finanzierung, weshalb sie aggressiver bieten könnten, heißt es. Groebler von Vattenfall weist den Verdacht zurück, sein Super-Sonderangebot von 5 Cent je Kilowattstunde in Kriegers Flak sei Dumping. Auch bei Wind an Land und PV-Strom sieht er noch Kostensenkungspotentiale.

          Unterschwellig läuft schon die Debatte darüber, ob angesichts sinkender Nachfrage nach Subventionen überhaupt noch eine Förderung notwendig sei. In der Union hatte der Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs (CDU) die Frage nach Abschaffung der Ökostromförderung aufgeworfen. Für die Förderung zahlen die Stromkunden hierzulande 24 Milliarden Euro im Jahr.

          Ende des Förderregimes für Neuanlagen nicht in Sicht

          Experten weisen darauf hin, dass die Förderung neuer Wind- und Solaranlagen so lange notwendig bleibe, wie der an der Börse erzielte Strompreis zu deren Finanzierung nicht ausreiche. Der werde durch zu viele konventionelle Kraftwerke bestimmt. Aktuell kostet die Megawattstunde an der Strombörse um die 30 Euro.

          Doch womöglich ist das Ende des Förderregimes für Neuanlagen doch in Sicht. Hollands Wirtschaftsminister Henk Kamp hat ausgerechnet, dass die Förderung der Borssele-Windparks nach 7,5 Jahren auslaufen könnte, entwickelten sich die Strompreise wie geplant. „Damit wäre das Ziel in Reichweite, dass Erneuerbare mit Konventionellen ohne Subventionen im Wettbewerb bestehen können.“

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