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Interview : "Wenige haben sich wirklich bewährt"

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Personalberater Tiemo Kracht Bild: Ray & Berndtson

Personalberater Tiemo Kracht sagt im FAZ.NET-Interview, warum so wenige Politiker in die Wirtschaft wechseln und verrät, wen er sich als Manager vorstellen könnte.

          Politik und Wirtschaft treffen zwar häufig aufeinander, die personelle Migration von einer Welt zur anderen ist allerdings in Deutschland eher selten. Da ist es schon auffällig, wenn sich mit Siegmar Mosdorf, ein SPD-Spitzenpolitiker, in die Wirtschaft verabschiedet.

          Tiemo Kracht, Geschäftsführer der Personalberatung Ray & Berndtson, macht im FAZ.NET-Interview die deutsche Elitenrekrutierung für die geringe Durchlässigkeit verantwortlich. Kracht, der selber mal in jungen Jahren vor der Entscheidung zwischen Politik und Wirtschaft stand und sich ein Intermezzo im Bundestag durchaus vorstellen kann, wünscht sich ein bunteres Mosaik der Lebensläufe.

          Herr Kracht, haben Sie schon mal einen Politiker vermittelt?

          Es gab Berührungen. Die klassischen Unternehmensberatungen haben den Bereich „Public Sector“ aufgebaut, in denen es um die Beratung von Kommunen, Bundesländern und auch die Bundesministerien beziehungsweise die Bundesregierung geht. Da sind zum Teil auch die Erfahrungen und Netzwerke von Politikern gefragt. Die Beratungen suchen primär jemanden, der die Veränderungsnotwendigkeiten im öffentlichen Bereich überblickt und sein Beziehungsspektrum erschließt. Ansonsten gab es Berührungen bei der Bearbeitung von Beiratsmandaten oder für das eine oder andere Aufsichtsratsmandat. Ein Massenphänomen ist das sicherlich nicht.

          Aber generelle Vorbehalte haben Sie keine?

          Nein, da haben wir überhaupt keine Berührungsängste. Für uns ist das Qualifikationsprofil und die Persönlichkeit entscheidend. Wir schauen auf Leadership Skills, Managementkompetenz, Netzwerke, das Auftreten und nicht zuletzt den Track-Record, den ein Politiker aufweisen kann. Es gibt einerseits „vorbelastete“ Politiker, die nicht einmal vorzuschlagen, geschweige denn zu vermitteln wären.

          Bei Siegmar Mosdorf sehe ich das anders: Er hat reichlich Erfahrungen gesammelt, zuletzt als parlamentarischer Staatssekretär, er bringt viel Sachverstand mit, hat sich über die Jahre ein Netzwerk aufgebaut und ist parteipolitisch nicht als rigide und dogmatisch in Erscheinung getreten. Da gibt es keine schwarzen Flecken.

          Mit Oskar Lafontaine hätten Sie größere Schwierigkeiten?

          Ja. Lafontaine hat sich durch seine politischen Grundsätze und seine ideologisch geprägten Äußerungen etwa gegen Globalisierung vom Mainstream verabschiedet und ist damit für Unternehmen außerhalb des Toleranzspektrums. Seine Klassenkampfmentalität weist zurück ins 19. Jahrhundert.

          Glaubwürdigkeit und Sachverstand sind Ihnen zufolge wichtige Voraussetzungen. Doch was in erster Linie zählt, ist das Telefonbuch?

          Leute mit betriebswirtschaftlichem Sachverstand haben - um beim Beispiel zu bleiben - die Beratungen schon zur Genüge. Da gibt es mit Sicherheit eine Vielzahl fähiger Fach- und Führungskräfte außerhalb der Politik. Aber was die Beratungen, aber auch andere Wirtschaftsunternehmen brauchen, sind Leute, die im politischen Prozess erstens durch finanz- und wirtschaftspolitische Fachkompetenz hervorgetreten sind, zweitens die Willensbildungsprozesse des Politikbetriebes überblicken und drittens ein nationales und idealerweise internationales Netzwerk vorweisen können, auf dessen Basis für das Unternehmen Kontakte hergestellt werden können.

          Wenn man als Unternehmen oder Wirtschaftsverband auch Lobbyismus betreibt, muss man genau wissen, an welcher Stelle des politischen Prozesses einzugreifen ist. Politiker haben diese politische Prozessführung und den Verkauf ihrer Ideen und Konzepte durchaus gelernt und sind da ganz gut aufgestellt.

          Unabhängig davon werden insbesondere im Beratungsgeschäft mit Schwerpunkt „Public Services“ Personen gebraucht, die schon mal auf der anderen Seite des Tisches saßen und die entsprechende Sensibilität für die Bedürfnisse und die Mitarbeiter einer öffentlichen Körperschaft mitbringen und die Veränderungsprozesse damit kompetent zu steuern verstehen, sprich Betroffene zu Beteiligten zu machen. Da kann man nicht immer braun gebrannte Alleskönner ranlassen, die auf der Basis sauberer Power-Point-Präsentationen die reine Lehre umsetzen wollen.

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