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Interview : Sinkende Preise und weniger Fluglinien

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William Gaillard Bild: Internal Communications

William Gaillard vom internationalen Luftverkehrsverband IATA sagt im Gespräch mit FAZ.NET, wie es nach den Terroranschlägen mit den Fluggesellschaften weiter geht.

          3 Min.

          Der Luftverkehr ist die Branche, bei der sich nach den Terroranschlägen von New York und Washington am schnellsten Auswirkungen gezeigt haben. Die Entlassungswelle bei den Fluggesellschaften nimmt auch zwei Wochen später kein Ende. Weltweit fahren die Airlines ihre Kapazitäten zurück. William Gaillard vom internationalen Luftverkehrsverband IATA bewertet im Gespräch mit FAZ.NET die aktuelle Entwicklung und beschreibt, womit die Passagiere rechnen müssen.

          Die Fluggesellschaften sind nach den Terroranschlägen in eine Krise geraten, deren Ausmaße erst langsam einzuschätzen sind. Warum werden so schnell so viele Mitarbeiter entlassen?

          Die Luftfahrtindustrie ist sehr arbeitsintensiv. Wenn die Kapazitäten um 15 Prozent gesenkt werden, wird auch die Zahl der Mitarbeiter zurückgeschraubt. Die Entlassungswelle ist daher keine Überraschung. In jeder Krise hat es viele Entlassungen gegeben. Andererseits, wenn die Unternehmen wieder wachsen, werden auch schnell Mitarbeiter eingestellt.

          Zum Beispiel hat British Airways in einer starken Wachstumsphase vor fünf bis sechs Jahren 10.000 Menschen in einem Monat neu angestellt und auch Air France ging es vor ein, zwei Jahren so. Wenn man mehr Ziele ansteuern will, braucht man mehr Mitarbeiter. Werden Kapazitäten eingefroren oder abgebaut, fällt der Bedarf an Mitarbeitern. So funktioniert die Luftfahrtbranche eben.

          Der Chef von Ryanair, Micheal O'Leary, hat gesagt, die Fluggesellschaften benutzen die Terroranschläge als Vorwand, um zu betteln. Wie sehen Sie das?

          Das ist sehr unfair. Was die europäischen Airlines betrifft, ist die EU höchstens bereit, die entstandenen Risiken abzusichern. Eine solche Situation sollte niemand für Wettbewerbszwecke ausnutzen. Zu viele Arbeitsplätze sind in Gefahr und sogar die gesamte Wirtschaft steht auf dem Spiel.

          Wie werden sich die Ticketpreise, besonders in Europa, entwickeln?

          Die Branche durchlebt eine Krise und in einer solchen Lage gehen die Preise normalerweise nach unten. Mit einem Flugticket verhält es sich wie mit einem Kilo Bananen. Wenn die Bananen faul sind, sind sie nichts mehr wert. Ist ein Flugzeug erst einmal gestartet, ist das Ticket wertlos. Um die Flugzeuge zu füllen und Umsatz zu erzielen, werden die Airlines versuchen, die Tickets sogar mit Verlust zu verkaufen.

          Die Kosten für die Flüge steigen zwar. Trotzdem rechne ich in einem schwachen Markt mit sinkenden Preisen. Geben die Preise nach, wird sich die Branche allerdings nur mit einer Verzögerung wieder erholen.

          Die Versicherungen üben mit geänderten Vertragsbedingungen Druck auf die Fluggesellschaften aus und umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen könnten für die Fluglinien Kosten nach sich ziehen. Wie wird sich das bei den Ticketpreisen bemerkbar machen?

          In der Vergangenheit war die Luftfahrtbranche nicht fähig, ihre Kosten an die Kunden weiterzureichen. An den Fluggesellschaften sind drei Gruppen beteiligt: die Aktionäre, die Mitarbeiter und die Passagiere. In den letzten 20 Jahren hatten die Passagiere stets die größten Vorteile.

          Wie wird sich die Luftfahrtindustrie nach den Terroranschlägen verändern?

          Die Branche muss sich nicht grundsätzlich ändern, allerdings wird es Anpassungen geben. In einigen Gebieten, wie vor allem in Europa, ist der Luftfahrtsektor viel zu fragmentiert. Es gibt zu viele Fluggesellschaften und es wäre gut, wenn es hier zu Zusammenschlüssen und zu einer Konsolidierung käme. Wir wollen, dass die Luftfahrtbranche ihre Strukturen den Anforderungen der Zeit anpasst.

          Außerdem sollte die Branche liberalisiert werden. Im Abkommen von Chicago von 1944 wird ein bilaterales System im Luftverkehr festgelegt. Was wir brauchen, sind geänderte Regeln. Nur in einem multinationalen System, in dem die Flugrechte nicht eingeschränkt sind, können die Fluglinien konsolidieren.

          Wie lange wird es dauern, bis sich die Fluggesellschaften wieder von der Krise erholt haben?

          Das ist sehr schwer zu sagen. Nach dem Golf-Krieg ging es wieder sehr schnell bergauf. Bereits ein Jahr später war die Zahl der Passagiere wieder auf dem Niveau vor dem Krieg. Ich sehe die derzeitige Situation nicht als langwierige Krise, sondern als eine kurze schwierige Phase. Mit der Unterstützung der Regierungen sind die Gesellschaften bald wieder in der Lage, aus eigener Kraft zu fliegen.

          Wir wissen nicht was passiert, sollte es zu militärischen Vergeltungsschlägen kommen. Wenn in ein paar Monaten jedoch alles wieder normal laufen sollte, könnte es den Airlines bis zum Jahresende wieder wesentlich besser gehen.

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