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Interview : „Reich geboren zu sein ist immer schlecht“

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„Ich weiß die Ehre zu schätzen, die erste Frau zu sein - aber ich werde nicht die letzte sein”: Elinor Ostrom Bild: Indiana University

Als „Grande Dame“ der Institutionenökonomik wird die Amerikanerin Elinor Ostrom auch als Kandidatin für den Wirtschafts-Nobelpreis gehandelt. Im F.A.Z.-Interview spricht sie über gefährliche Ungleichheit und beantwortet die Frage, warum „große Vermögen in der Regel unproduktiv sind“.

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          Bisher ist der Wirtschafts-Nobelpreis eine männliche Veranstaltung. Das könnte sich aber ändern. Die Amerikanerin Elinor Ostrom, „Grande Dame“ der Institutionenökonomik, erfüllt das notwendige Kriterium für die Auszeichnung: Mit ihren Arbeiten über „Allmendegüter“ hat sie ein wichtiges ökonomisches Forschungsgebiet von politischer Relevanz erschlossen.

          Allmendegüter sind knappe Ressourcen, von deren Nutzung niemand ausgeschlossen werden kann, die aber Gefahr laufen, „übernutzt“ zu werden - von der Umwelt bis hin zu Moral und Vertrauen in einer Gesellschaft. Ostrom hat gezeigt, dass die Ermöglichung von Selbstorganisation und dezentralem Management entscheidend dazu beiträgt, soziale Dilemmata zu überwinden und Nachhaltigkeit zu erreichen.

          Ostrom lehrt Politikwissenschaft an der Indiana University in Bloomington. Derzeit leitet sie eine „Summer School“ des Walter Eucken Instituts und der Universität Freiburg.

          Frau Ostrom, in Deutschland wächst die Ungleichheit der Einkommensverteilung in letzter Zeit spürbar. Wird das irgendwann den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sprengen?

          Eine Gefahr ist das schon. Auch in Amerika macht mir das Sorge. Ungleichheit ist gefährlich. Wenn die Reichen in allzu extremen Höhen schweben, können sie gar kein Verständnis mehr haben für die Nöte der Armen. Wenn es immer mehr Reiche gibt und damit Leute, die sich für etwas Besseres halten, dann ist das nicht gut für eine Demokratie. Außerdem sind zu große Vermögen in der Regel auch wirtschaftlich unproduktiv - zumindest in der dritten Generation von Unternehmern. Die reich geborenen Schichten sind häufig weder sonderlich lebenstüchtig noch unternehmerisch. Sie verbrauchen eher ihr ererbtes Vermögen und das damit verbundene Sozialkapital, als dass sie welches aufzubauen helfen. Reich geboren zu sein ist immer schlecht.

          Was heißt das? Noch mehr steuerliche Umverteilung? Dem Unternehmergeist würde das kaum auf die Sprünge helfen.

          Nein, klar, es ist erst einmal vorrangig, die Übernahme von Risiken zu erleichtern und so Unternehmertum überhaupt zu ermöglichen. Die Leute sollen schon reich werden können. Rendite ist nötig und meistens auch gerechtfertigt. Meine Sorge bezieht sich nur auf „embedded wealth“, sozial gleichsam abgeschottetes, ererbtes Vermögen. Manches ist da wirklich völlig abgehoben. Und schauen Sie sich nur manche dieser Managergehälter in Amerika an. Die sind zum Teil einfach obszön.

          In Deutschland bewegen wir uns noch lange nicht in amerikanischen Dimensionen - mit den Managergehältern nicht und mit der Ungleichheit auch nicht.

          Stimmt. Und die Verschärfung der Ungleichheit in Deutschland hängt auch nicht zuletzt mit der Wiedervereinigung zusammen. Das muss man sehen. Die Transformation eines Wirtschaftssystems ist immer eine ziemlich heftige Angelegenheit. Da ist es wenig verwunderlich, wenn das Gefühl des Zusammenhalts oder des Vertrauens in einem Land zumindest vorübergehend abnimmt. Dann aber kommt es darauf an, dass die politischen Parteien, die Regierung, die Wissenschaft, die Kirchen und andere Akteure wahrnehmen, dass darin in der Tat eine Bedrohung liegt. Sie müssen reagieren. Das Problem löst sich nicht von selbst.

          Ist da eher die Regierung gefragt oder die Zivilgesellschaft?

          Die Politik spielt schon eine Rolle. Für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist es zum Beispiel sehr wichtig, dass der Staat nicht diskriminiert, sondern universellen Zugang zu öffentlichen Gütern und anderen staatlichen Leistungen gewährt, beispielsweise zu Gesundheitsversorgung und Alterssicherung. Das heißt aber nicht, dass jeder Bürger exakt die gleichen Nutzungsgrade hat. Nur der Zugang muss diskriminierungsfrei sein. Außerdem ist es ganz entscheidend, dass der Staat die Dinge, die er den Bürgern mit deren Steuergeldern zur Verfügung stellt, nicht auch kurzerhand gleich selbst produziert. Staatliche Einheitskrippen sind so ein Fall.

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