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Digitale Revolution : Was kann der Großkonzern vom Start-up lernen?

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Bäte: Da geht’s mir wie dir: Ich muss auch raus. Singapur, Jakarta, Schanghai. Da sagen hier manche: Der Bäte, der hat keine Zeit für Einzelgespräche. Und was ist mit dem Rotary Club und dem Opernfest in München? Da seid ihr ja nicht mehr präsent. Dafür treffe ich Geschäftspartner auf der ganzen Welt. Wer gemeinsame Geschäfte machen und Unternehmen bauen will, muss raus, das wird nicht digital, im Gegenteil. Die Zukunft findet nicht nur hier in der Königinstraße in München statt. Leider sind manche Menschen in großen Unternehmen irgendwann nicht mehr bereit, Abstriche zu machen. In München hier ist es sehr schön, da wollen die Leute nicht weg. Schon gar nicht nach Bangkok oder Jakarta oder Ho-Tschi-Minh-Stadt, wo es gefährlich sein soll. Da mach’ ich lieber die Kaminkarriere am Englischen Garten. Diese Denke hat nichts speziell mit der Allianz zu tun, das ist Teil unserer deutschen Kultur in Großkonzernen, das ist bei Start-ups und bei guten deutschen Mittelständlern ganz anders.

Gegen Oliver Samwer haben Sie bei jungen Leuten keine Chance?

Bäte: Doch, Oliver bildet ja super aus, und irgendwann haben die Leute auch zwei Kinder und sagen: Ich will das Unstete nicht mehr. Solche Mitarbeiter können bei uns viel bewirken. Wir haben mehr Stabilität als ein Start-up. Die Herausforderung ist nicht, solche Leute zu kriegen, sondern, sie zu halten. Den ersten Kontakt mit unseren Regeln erleben die hier, wenn sie den Betriebsausweis beantragen, mit der Dienstwagenordnung geht es weiter. Von solchen Regelungen haben wir viele. Da sagen viele, die aus dem Start-up-Bereich kommen: Muss das sein? Dabei haben wir die Regeln nicht, weil wir böse sind, sondern weil sie Stabilität und Sicherheit geben. Wir können es uns nicht erlauben, in 30 Jahren die Lebensversicherungen nicht zu bezahlen. Risikokontrolle ist ein positives Gut, führt aber zu Bürokratie, wenn man nicht immer wieder drüber nachdenkt. Deshalb wollen wir mehr Start-up-Leute reinholen, die uns helfen, modern zu werden.

Was haben Sie selbst geopfert für die Karriere? Was war Ihr „Sacrifice“-Faktor?

Bäte: Ich kam am 1. Januar 2008 zur Allianz, da war die Finanzkrise voll im Anmarsch und ich oft sechs, sieben Tage die Woche in München, meine Basis aber war Köln. Da lebt meine Familie, das ist meine Heimat. Wenn ich laufen gehe, kenne ich jeden Baum im Kölner Westen, seit meiner Kindheit. Das fehlt mir.

Samwer: Unternehmertum ist immer mit Risiko verbunden. Da gehen alle deine Kommilitonen direkt nach der Uni zu gut bezahlten Jobs, du selbst aber schlägst die Angebote aus und machst stattdessen ein unbezahltes Praktikum im Silicon Valley. Anschließend willst du ausprobieren, was du in Amerika gesehen hast, und baust einen Marktplatz im Internet auf. Du ziehst nach Berlin, weil da die Mieten billig sind, wohnst anderthalb Jahre über der Mitwohnzentrale, immer wieder woanders, und musst zu potentiellen Partnern gehen und um Geld betteln. Das Internet hatte 1998 ja erst vier Millionen Nutzer. In einem Kreuzberger Hinterhof über der „Teppich-Domäne“ haben wir angefangen, wir drei Brüder und drei Freunde. Du rufst dann 55-jährige Briefmarkenhändler an, um sie zu überzeugen, auf unsere Internetplattform zu kommen, aber die haben noch gar keinen Internetanschluss. Und du hast keine Ahnung von Briefmarken. Im nächsten Telefonat musst du davon schwärmen, dass es beim Überraschungs-Ei gerade den grünen Kobold gibt, das ist doch was ganz Tolles, der grüne Kobold! Da passt man sich halt an als Gründer, versucht alles Mögliche. Und egal, was wir gemacht haben, wir hatten nie Industrie-Knowhow. Als wir Zalando gestartet haben, hatten wir von Mode keine Ahnung. Wir haben digitales Knowhow. Den Rest besorgen wir uns.

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