https://www.faz.net/-gqe-7yocp

Interview mit Hans-Werner Sinn : „Massive Kapitalflucht aus Italien“

  • Aktualisiert am

Hans-Werner Sinn ist Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Bild: dpa

Warum hat die Schweiz ihre Bindung an den Euro so schnell aufgelöst? Der Ökonom Hans-Werner Sinn glaubt: Es lag daran, dass sehr viel Geld in die Schweiz geflossen ist.

          1 Min.

          Die Schweiz hat ihre Teilbindung an den Euro aufgegeben und lässt den Franken aufwerten. Ist Europa zu schwach geworden für die Schweiz?

          Nein. Das liegt daran, dass das Anleihenkaufprogramm der Europäischen Zentralbank nun praktisch als sicher gelten kann …

          … weil der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof das vorige Anleihenprogramm für rechtmäßig hält

          Banken gehen jetzt davon aus, dass sie ihre Staatsanleihen bald an die Notenbanken verkaufen können. Die Anleihen sind daher sehr liquide, so dass man es wagen kann, die bereits vorhandenen Geldmittel ins Ausland zu tragen, wo sie vor möglichen Turbulenzen im Euroraum geschützt sind. Zielort war vor allem die Schweiz. Solange die Schweiz die Bindung hielt, musste sie all das Geld gegen eigene Franken aufkaufen. Die Devisenbestände der Schweizer Notenbank hatten sich von Beginn der Krise bis Ende letzten Jahres fast verzehnfacht, auf bald 500 Mrd. Franken.

          Wo kam das Geld her?

          Von überall. Zuletzt gab es, wie die Target-Salden zeigen und das Ifo-Institut Anfang der Woche schon mitgeteilt hatte, eine massive Kapitalflucht aus Italien. Die ging vermutlich auch in die Schweiz, denn die Target-Überschüsse der anderen Euroländer sind nicht gestiegen.

          Aber warum kommt der Ausstieg jetzt?

          Die Entscheidung des Generalanwalts hat diese Entwicklung nun noch einmal dramatisch beschleunigt. Der Schweizer Nationalbank wurde die Sache zu heiß, denn sie fürchtete sich vor den Riesenverlusten, falls sie eines Tages doch aus der Bindung aussteigen müsste. Deshalb stieg sie lieber gleich aus.

          Der Schritt kam sehr überraschend und hat einige Banken zum Wackeln gebracht. Hätte die Nationalbank nicht wenigstens bis zum Börsenschluss warten können?

          Die Heftigkeit der Reaktion auf das Gutachten des Generalanwalts hat vermutlich auch die Nationalbank überrascht.

          Trotzdem: Die Schweizer Nationalbank nimmt enorme Kosten für ihre Berghütten und Hotels in Kauf, die jetzt für Touristen teurer werden.

          Die Alternative wären riesige Verluste auf die Devisenreserven, die die Schweiz hätten beschädigen können.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wieder unterwegs, aber es gibt zu wenig Impfstoff: im „Impfexpress“ in Frankfurt am Main.

          Impfkampagne : Es ist zum Verzweifeln

          Schlange stehen, Engpässe, Impf-Tohuwabohu und nun doch die Impfpflicht. Man möchte laut rufen: Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen.
          
              Will eine Impfpflicht einführen: Olaf Scholz kommt zum Bund-Länder-Treffen im Bundeskanzleramt an

          Corona-Politik : SPD und Union gehen getrennte Wege

          Noch regiert die große Koalition. Bei den Verhandlungen über neue Corona-Maßnahmen zeigen beide Partner den Willen zu einer allgemeinen Impfpflicht. Doch es wird auch klar, dass sie sich in Kürze trennen.
          Besonders schwere Fälle können nicht mehr verlegt werden, weil der Transport aufwändig ist.

          Patienten-Transporte : „Die Leute können nicht mehr“

          Erst half Deutschland seinen Nachbarländern – nun ist das Gegenteil der Fall: Corona-Patienten müssen ins Ausland verlegt werden. Nicht nur Bayern will auf internationale Hilfe setzen.
          Beratungszimmer vor dem Sitzungssaal im Bundesverfassungsgericht

          Urteil zur Bundesnotbremse : Karlsruhes Richtschnur für die Corona-Politik

          Erstmals äußert sich das Bundesverfassungsgericht zu den schwersten Grundrechtseingriffen in der Geschichte der Bundesrepublik – und sagt, dass sie alle zulässig waren. Für die Ampel-Parteien kommt der Richterspruch zur rechten Zeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.